Jetzt fliegt sie wieder
30. April 2009

Habe gerade im Hausflur eine Hummel gefunden. Sie lebte noch, aber sie konnte sich kaum mehr bewegen. Sicher hat sie sich verirrt und hat nicht mehr nach draußen gefunden. Ich habe sie außen aufs Fensterbrett gesetzt und bin wieder in die Wohnung gegangen.

Toll, jetzt stirbt sie also unter freiem Himmel, dachte ich. Sie sollte leben! Ich habe einen Löffel Honig genommen und meinen kleinen Finger mit Wasser benetzt, und bin raus zur Hummel gegangen. Das Wasser wollte sie nicht, aber als ich ihr den Honiglöffel hinhielt, öffneten sich die kleinen Mundwerkzeuge, und die Zunge kam heraus und schleckte Honig. Ich vermischte den Honig mit Wasser, damit sie ihn besser trinken konnte.

Hummeln haben eine ziemlich lange Zunge. Sie ist rötlich. Je länger die Hummel Honig fraß, desto aufgeregter wurde sie. Sie fing an zu zittern, und ihr Hinterleib pulste – ist das das Herz, das wieder kräftiger schlägt, oder die Atmung?

Irgendwann hörte die Hummel auf zu fressen. Sie saß noch einige Momente still da, und dann flog sie los.

Ich bin erkältet, habe fast keine Stimme, und soll heute abend in Northeim aus dem Mysterium lesen. Außerdem soll bis morgen die Leseprobe des neuen Romans fertig sein. Ich bezweifle, daß der Tag ein großer Erfolg wird. Trotzdem bin ich glücklich. Ich habe ein kleines pelziges Geschöpf gefüttert, und jetzt fliegt es wieder.



Die weite Reise einer Postkarte
29. April 2009

Dieser Tage habe ich eine Postkarte bekommen, auf der mir zum Geburtstag gratuliert wurde.

Lieber Titus, für dein neues Lebensjahr wünsche ich dir Zuversicht, Geduld, Entschlossenheit, Mut und Freude ...

Und so weiter. Ich war verwirrt. Mein erster Gedanke war, ich könnte meinen eigenen Geburtstag vergessen haben. Dann fiel mir ein, daß ich im Oktober Geburtstag habe. Lustigerweise schreibt die Absenderin:

Da ich fast sicher bin, daß diese Karte dich nicht mehr zum Geburtstag erreicht, wünsche ich dir ...

Die Karte wurde am 2. Oktober 2008 abgeschickt. Also war sie fast sieben Monate unterwegs. Sie kommt aus Georgien. Womöglich ist die Verzögerung dem Südossetien-Konflikt geschuldet.

Ich liebe Häfen und Züge und die schnurgeraden Straßen Amerikas. Auf ähnliche Weise fasziniert mich der lange Reiseweg, den die Postkarte zu mir genommen hat.

Was ist an Reisen so spannend? Warum sind ferne Orte immer interessanter für mich als der Ort, an dem ich gerade bin? Aus Häfen laufen die Schiffe aus und überqueren Ozeane. Züge fahren nach Amsterdam und Paris und Zürich. Das gefällt mir.

Mein neuer Roman erzählt auch von einem fernen Ort. Ich warte noch auf den Vertrag, dann buche ich einen Flug und schaue mir die Gegend an. Ich habe ein wunderbares Alibi dafür, zu reisen.



Bananen
10. April 2009

Nach einigen Wochen Recherche habe ich heute die erste Seite des neuen Romans geschrieben. Darauf wird ein Hase gehäutet, ein Schwert umgeschnallt und ein Topf mit Bohnen umgerührt. Es wird gespottet, und ein toter Held wird verehrt. Natürlich werde ich die Seite noch oft von neuem schreiben.

Ich bewege mich diesmal im frühen Mittelalter. Das verrate ich nur, weil ich mich nicht beherrschen kann und euch eines meiner Fundstücke zeigen muß. Bei den Recherchen bin ich auf einen Text aus dem 10. Jahrhundert gestoßen. Ein Mann beschreibt, wie er seine erste Banane gegessen hat: "Eine Frucht in der Form einer Gurke, aber wenn sie geschält wird, ist das Innere der Wassermelone nicht unähnlich, nur von feinerem Geschmack und köstlicher."



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