Beim Geigenbauer
29. Mai 2008

Ich war heute zum ersten Mal in meinem Leben bei einem Geigenbauer. Konnte nicht glauben, daß aus den simplen Holzscheiten, die da gestapelt sind, Geigen werden. Ahornholz, Fichtenholz, hat er mir erklärt. Es muß mindestens zehn Jahre ruhen, bevor es verarbeitet wird. In sechs Wochen von je vierzig Stunden baut er eine Geige daraus. Das Holz, die Wölbungen, die Bauart entscheiden darüber, wie sie klingt. Ob sie aber wirklich gelungen ist, und was ihre tatsächliche Klangfarbe wird, weiß er erst, wenn er sie das erste Mal spielt. Ein faszinierender Beruf!

Ich habe das siebzehnte Kapitel überarbeitet. Falls ihr euch später beim Lesen wundert, weshalb es so kurz geraten ist: Bis heute war es doppelt so lang. Dann habe ich eine Szene weggeworfen, weil zuviel gedacht wurde und zuwenig getan. Wenn mir beim Korrekturlesen schlecht wird, weiß ich, daß drastische Maßnahmen notwendig sind. Es ist seltsam: Mein Körper reagiert auf die Buchstaben wie auf einen Wohlgeruch oder einen giftigen Duft.

Habe ich schon mal im Journal erzählt, daß mir das Korrekturlesen bei den guten Passagen euphorische Freude macht? Da ist es, wenn ich einzelne Sätze umstellen und stärker machen kann, als würde ich in ein Puzzle passende Teile einsetzen. Ich finde, an einem Text zu arbeiten, hat überhaupt viel mit Puzzle-Spielen zu tun. Es kann einem Kopfschmerzen bereiten (wenn das passende Teil einfach nicht zu finden ist), oder größte Genugtuung (wenn ein Teil das Bild ergänzt).



Raubritter
26. Mai 2008

Eine Mail von meinem Bruder Julian:

Auf dem Weg zur Uni begegnete ich heute morgen an einem Fußgängerüberweg einem älteren Mann mit Hund. Als sich unsere Wege auf der Straße kreuzten, sah er mich fragend an: "Irgendwelche Raubritter gesehen?"

"Heute nicht", antwortete ich ihm.

Beruhigt nickte er und beide setzten wir unsere Reise fort.

Crazy folks around, I must say.

Ich weiß nicht warum, aber mir gefällt’s, wenn fremde Leute einen fragen, ob man Raubritter gesehen hat.

Hier noch zwei Bilder vom Autorentreffen in Nürnberg diesen Donnerstag.

Wenn sich Autoren treffen, herrscht immer eine Atmosphäre der Erleichterung. Das hängt mit dem Einsiedlerischen unseres Berufs zusammen. Wir sind froh, festzustellen, daß es noch andere gibt wie uns. Ein Yeti wäre auch froh, im Schneegestöber des Himalaja einen anderen Yeti zu sehen.



Außerirdische liebhaben
15. Mai 2008

Titus Müller zu sein, hat seine Vorteile und seine Nachteile. Zum Beispiel kann ich alles um mich herum vergessen. Das ist manchmal gut und manchmal schlecht. Mußte gerade anderthalb Stunden in der Autowerkstatt warten. Ich habe mich ins Manuskript vertieft und war ganz überrascht, als mich der Meister ansprach und sagte, mein Auto sei fertig. (Ich glaube, in der Werkstatt habe ich fleißiger gearbeitet als zu Hause am Schreibtisch. Ich mag fremde Orte.)

Zu Hause habe ich eine Pizza in den Ofen getan. Es sind drei Schritte von der Küche bis ins Zimmer. Bei diesen drei Schritten habe ich die Pizza wieder vergessen. Irgendwann roch es dann komisch.

Oft passiert mir, daß ich einen Topf mit Wasser und Kartoffeln auf den Herd setze, und lange Zeit später fällt mir am Schreibtisch ein, daß ich ja Mittagessen kochen muß, und dann gehe ich in die Küche und das Wasser ist verkocht. Es zischt schön, wenn Kartoffeln am Topfboden braten. Da denke ich dann: Ach ja, ich hatte ja schon angefangen mit dem Kochen!

Eigentlich ist es amüsant, so einer zu sein.

Bei SPIEGEL Online stand, daß Katholiken auch Außerirdische liebhaben dürfen. Wörtlich: Auch das sind Geschöpfe Gottes. Dafür bin ich schon lange eingestanden! Mußte gleich an meinen Roman Die Siedler von Vulgata denken. Da landen grausame Außerirdische, die auf der Flucht vor mächtigen Feinden sind, und die Menschen fragen sich, ob das Gebot der Nächstenliebe auch für häßliche Außerirdische gilt. Im Vatikan haben sie jetzt gesagt, der Glaube an Außerirdische stehe in keinem Widerspruch zum Glauben an Gott. Diesen Satz verstehe ich nicht. Gott selbst ist doch ein Außerirdischer. Ein sehr faszinierendes Wesen, wie ich finde.

Diese Woche habe ich ein Ehepaar gesehen, das am Straßenrand anhielt, aus dem Auto stieg und die Gegend fotografiert hat, in der ich lebe. Das fand ich seltsam, zuerst, und dann hat es mir geholfen. Ich hatte vergessen, wie schön es hier aussieht.



Titus Angsthase
08. Mai 2008

Gestern und heute haben wir neue Folgen von Auserlesen gedreht. Inzwischen stellt sich eine gewisse Routine ein, und ich kann das Gespräch genießen – trotz Blick auf die Uhr im Hintergrund des Studios, die meine 28 Minuten herunterzählt. Aber es passieren natürlich weiterhin Fehler.

Charlotte Lyne, die extra aus London gekommen ist (danke, Charlie!), veröffentlicht dieser Tage den Roman Die zwölfte Nacht. Wie nenne ich ihn zu Beginn der Sendung? Der zwölfte Tag. Charlie hat souverän reagiert. Sie sagte mit einem belustigten Lächeln: "Das ist dein Buch, glaube ich." Ich hätte mir gern auf die Zunge gebissen.

Heute hatte ich einen Gast, der mehrere schwarze Gürtel in Karate und mehrere schwarze Gürtel im philippinischem Stockkampf trägt. Vor der Sendung habe ich ihn im Scherz gefragt, ob er nicht für die Zuschauer etwas demonstrieren könne. Dann, vor laufenden Kameras, ging es um Aikido, das er ebenfalls betreibt. Ich fragte: "Wie funktioniert das?"

Er sagte: "Gib mir mal deine Hand."

Ich hoffe, man sieht nicht so sehr, wie ich zögere.



Impressum