Amerika riecht anders als Europa
Sie sind alle da: Mr. White, der Ergebnisse schneller im Kopf berechnen konnte als wir mit den Taschenrechnern. Mr. Atkins, der uns den menschlichen Koerper im Medizinkeller anhand einer Leiche erklaerte. Glenn Russell, der fuenf Uhr morgens vor der Schule mit uns Fussball gespielt hat.
Ich schlafe im Haus von Tom Baker, meinem Englischlehrer, in einem schoenen Zimmer mit Fenstern, die man von unten nach oben aufschiebt, und einem "Hubschrauber" an der Decke, einem grossen Ventilator. Hoehepunkt der Reise in die USA war bisher ein Spaziergang am Ufer des Lake Michigan, in eben der Bucht, in der wir als Kinder gebadet haben.
Seit ich hier bin, wache ich jeden Morgen auf, sehe aus dem Fenster, und denke: Wie gut ich es habe! Das Unterrichten von acht bis drei strengt an, bei meinem eingerosteten Englisch erfordert es hohe Konzentration. Aber ich darf nach fuenfzehn Jahren Plaetze meiner Kindheit wiedersehen, darf diese unvergessliche Luft atmen -- Amerika riecht anders als Europa --, und lerne wieder Neues hinzu.
Habe mich heute mit einem amerikanischen Autorenkollegen unterhalten. Wir haben uns gegenseitig unsere berufliche Situation erklaert. Sein Fazit: "Du tust, was dir Spass macht, und kannst davon leben. Lass dir von einem alten Mann sagen, Titus, das ist das beste, was dir im Leben passieren kann."
Hörbuch in der Produktion

Die Todgeweihte wird im Sommer als Hörbuch veröffentlicht. Gerade hat Dietrich Petzold, der Regisseur, der die Aufnahme betreut, ein langes Telefongespräch mit mir geführt. Es ist beglückend, mitzuerleben, wie genau er seine Arbeit nimmt. Da werden kleine logische Fehler ausgemerzt, er recherchiert Orte und die Aussprache von Namen, er schlägt Änderungen vor, wenn ein Satz sich für die Audioaufnahme nicht eignet.
Freue mich jetzt noch mehr auf das fertige Hörbuch. Meinen ersten Schwung von Vorfreude hatte ich, als die Zusage kam, daß der Schauspieler und Musiker Tobias Dutschke der Sprecher sein würde. Seine Hörproben gefallen mir ausgezeichnet.
Erfolgszwillinge

Jyoti und Suresh Guptara, 1988 in England geboren, gehören zu den jüngsten Autoren der Welt. Der erste Band ihrer Fantasy-Saga Calaspia ist nach großen Erfolgen in Indien nun auf Deutsch als Spitzentitel im Rowohlt-Verlag erschienen. In einer neuen Folge von Auserlesen erzählen sie, was man beim Schreiben von Fantasy beachten muß und wie die Teilnahme an einem Casting für die Harry Potter-Filme dem 15jährigen Jyoti einen Artikelauftrag für das Wallstreet Journal einbrachte.
Psychotricks

Wenn man einen historischen Roman schreibt, gibt es oft ein Problem: Der Geschichte liegen authentische Ereignisse zugrunde, und diese Ereignisse haben nicht dichtgedrängt in einer Woche stattgefunden. Es gibt spannende Tage, auf die – von der Geschichte aus gesehen, die man erzählen will – belanglose Wochen und Monate folgen, ihrerseits gefolgt von drei spannenden Tagen, und so weiter. Die Lücken muß man beim Erzählen geschickt überwinden.
Im meinem aktuellen Romanprojekt beschreiben die ersten neunzehn Kapitel vier Tage. Das wurde mir durch die historischen Fakten vorgegeben. Ein Idealfall, was den Spannungsaufbau angeht. Kurze Zeiträume sind da das beste, was einem passieren kann.
Das zweite große Ereignis, das ich beschreiben will, hat aber erst drei Jahre später stattgefunden. Ich könnte zu Beginn von Kapitel zwanzig schreiben: Drei Jahre später. Das hätte in einem politischen Thriller funktioniert. Bei meiner verzwickten Lovestory sind drei Jahre allerdings eine Ewigkeit. Ich möchte nicht, daß sich die Leser betrogen fühlen, weil ich ihnen drei Jahre vorenthalte, nachdem ich sie vier Tage auf die Folter gespannt habe.
Ich mußte viel grübeln, um dieses Problem zu lösen. Die Rettung war, den passenden Zeitpunkt für den Jahressprung zu finden. Ich lasse auf die vier Tage noch Wochen folgen, in denen Dinge von mittelgroßer Bedeutung geschehen, und springe dann mitten in die Hölle – durch ein Ereignis, das für die Schwestern der größte Bruch ihres Lebens ist. Sie verbringen zweieinhalb Jahre förmlich in "Umnachtung". So ist der Zeitsprung kein Fremdkörper, der die Geschichte behindert, sondern ein Teil der Geschichte.
Nachdem das gelöst war, habe ich im Groben sämtliche Szenen notiert, die ich noch schreiben möchte, das Finale eingeschlossen. Nun muß ich, bevor ich weiterschreiben kann, ein Kapitel überarbeiten, das mir auf verzwickte Weise mißraten ist. Den ganzen Tag bin ich um den Manuskriptausdruck herumgeschlichen und habe nicht ertragen, ihn länger als fünf Minuten anzusehen. Am Ende habe ich die Seiten mehrfach geknickt und schludrig in die Manteltasche gesteckt, als ich das Haus verlassen mußte. Ein "Psychotrick". Das ist bloß Papier mit Buchstaben drauf, sage ich mir, und gehe mit dem Papier um wie ein Schüler mit seinen ungeliebten Schulheften. Es hilft mir, die Angst vor dem schwierigen Text zu verlieren.
Auch ein Teil des Autorenberufs: Sich immer wieder Kniffe einfallen zu lassen, wie man seine Ängste bezähmt.




