Barfuß im Schnee

Ich liebe das erste Mal. Heute war ich zum erstenmal barfuß im Pyjama draußen im Schnee. Es ist herrlich, wenn der Schnee unter den Füßen knirscht. Zuerst dachte ich, daß er gar nicht kalt ist, und wunderbar weich. Dann fingen die Füße an zu schmerzen, und ich bin schnell wieder reingegangen.
Im Bad kam es mir so vor, als besäße ich eine Fußbodenheizung, so warm waren die Fliesen. Ich habe die Zähne geputzt, und dabei Lust bekommen, noch einmal raus in den Schnee zu gehen. Draußen waren meine Fußspuren schon zugeschneit. Ich habe Schneeflocken auf dem Pyjama schmilzen lassen und ein paar barfüßige Schritte gemacht. Dann habe ich heiß geduscht. Was für ein schöner Tagesbeginn!
Mit dem Roman hänge ich dem Zeitplan hinterher. Ich habe mich in Amerika zwar bemüht, mein normales Schreibpensum zu schaffen, aber dafür das Überarbeiten vernachlässigt. In der Regel überarbeite ich jeden Tag die Seiten vom Vortag. Heute werde ich nur eine Szene schreiben und den Rest der Zeit mit dem Überarbeiten der Passagen verbringen, die ich in Amerika geschrieben habe.
Bin übrigens im April wieder dort, diesmal allerdings in der Nähe von Chicago. Wir haben als Familie 1992-1993 in den USA gelebt. Meine damalige Schule hat mich nun zu zwei Writer’s Days eingeladen, in denen ich mit den Schülern schreiben soll. Noch ein erstes Mal: Meine erste "Geschäftsreise" in die USA. Ha!
Mit Fremden zu lachen

Im Zug nach Nassau spricht mich jemand an: Ob ich Englisch verstünde? Ich bejahe. Er fragt mich nach einem der kleinen Orte hier, den ich aber nicht kenne. Ich frage ihn, wo er herkommt. Er zögert einen Augenblick. Sein Gesicht spannt sich an. "Afghanistan", sagt er schließlich, "but I’ve lived in Pakistan for a long time." Sein Blick duckt sich. Er fürchtet Ärger.
Ich lächle und verwickele ihn in ein Gespräch. Allmählich entspannt er sich. Er erzählt mir von seiner Obstplantage in Afghanistan, daß es schwierig ist mit dem Wasser, sie müssen neue Brunnen bohren. Die Pumpen für die Brunnen laufen mit Diesel, den beziehen sie günstig aus dem Iran. Momentan kümmert sich sein Bruder um die Plantage.
Seit zwei Monaten ist er hier. Er möchte gern in Deutschland bleiben. Er liebt den Regen. In Afghanistan regnet es nie. Das Wetter ist hier besser, findet er, und schöne Wälder gibt es nicht bei ihm zu Hause. Afghanen, die schon länger hier sind, bringen ihm gerade Deutsch bei. Er will lernen, es richtig zu sprechen, und dann nur noch zum Urlaub nach Hause fahren.
Als wir uns verabschieden, ist alle Zurückhaltung verflogen. Wir sind für unser Vertrauen mit einem schönen Gespräch belohnt worden.
Heute, nach der Lesung, fahre ich wieder von Nassau. Der Bahnbeamte tritt nach draußen, um den Zug abzufertigen. "Sind Sie nicht Herr Müller?" fragt er. "Ich war gestern auf Ihrer Lesung! Jetzt geht’s wieder nach Hause?"
Wir schütteln uns die Hand und lachen. Das gefällt mir: Mit Fremden zu lachen.




