Flirten vor 500 Jahren

Es nützt ja nichts, nur zu wissen, welche Kleider die Menschen zur Zeit meiner Geschichte trugen. Ich muß auch beschreiben, wie sie sich verhalten. Deshalb beschäftige ich mich mit sogenannten "Anstandsbüchern". Das waren Abhandlungen darüber, wie man sich zu bewegen hat, wann man lachen darf, wie man sich die Nase schneuzt. Interessant finde ich, daß man vor 500 Jahren schon genauso geflirtet hat wie heute. Erasmus von Rotterdam mahnte 1530 in seinem Buch De civilitate morum puerilium streng: "Den Blick niederzuschlagen und mit den Augenlidern zu klappern, ist ein Zeichen von Frivolität."
Übrigens: Morgen, am 25.12., gibt es 10:33 Uhr einen Beitrag über Das Mysterium bei Deutschlandradio Kultur. Ich wünsche euch allen glückliche Weihnachtstage!
Weihnachtskalender

Ich liebe Weihnachtskalender. Nicht die mit Schokolade, das ist langweilig. Nein, die mit kleinen Türchen, hinter denen sich Bilder verbergen. Bei guten Weihnachtskalendern haben die Bilder etwas mit dem großen Bild zu tun, sie fügen sich hinein, sie gehören zur Geschichte. Gute Weihnachtskalender haben auch nicht bloß viereckige Türchen, sie haben runde, dreieckige, schräge. Jedes Türchen erzählt beim Öffnen etwas. Das ist dieses Jahr mein Kalender:
Ich mag es, an die Tage mit der Erwartung heranzugehen, überrascht zu werden. Auch außerhalb der Adventszeit. Dieser Gedanke beim Aufstehen: Mal sehen, was heute passieren wird – er tut mir gut. Gleichzeitig bin ich einer, der Rituale mag, wie einen alten Karren, auf dessen Bock ich jeden Morgen steige, um die Pferde zu lenken. Ich fahre eben mit dem Karren gern in neue Gegenden, die ich noch nicht kenne, und werde überrascht, betrachte alles, staune.
Wie geht es dem Roman, fragt ihr? Ich bin bei 44 Seiten. Ich habe alte Fehler wiederholt, die Hauptfigur war passiv, sie wurde von den bösen Mächten umhergeworfen und unternahm zu wenig dagegen. Das passiert mir öfter beim ersten Ansatz, eine Geschichte zu erzählen. Meist macht es die Hauptfigur unglücklich. Es paßt nicht zu ihr, sie ist viel stärker, sie will kämpfen und selbst handeln. Mir blieb nichts anderes übrig, als einen Teil der Geschichte wegzuwerfen und neu zu erzählen. (Der Handlungsstrang der Zwillingsschwestern hingegen funktioniert fabelhaft. Hier gibt es Eifersucht, Mißverständnisse, verzweifelte Liebe zu einem geheimnisvollen Mann. Es wird lange dauern, ehe die Schwestern ihre Schwierigkeiten überwinden.)
Heute habe ich beim Schreiben ein Experiment gemacht und eine Szene aus der Sicht eines Tiers geschildert. Ob das so im Roman bleibt, weiß ich noch nicht. Wenn es gut läuft, taucht das Tier öfter auf und trägt entscheidend zur Handlung bei. Aber diese Szenen dürfen nicht herausstechen, sie müssen sich einfügen in die Erzählung, als wäre es ganz gewöhnlich, die Perspektive des Tiers einzunehmen. Das kann ich erst beurteilen, wenn ich einen größeren Textabschnitt fertig habe. Natürlich werde ich mir auch das Urteil anderer einholen.
Auserlesen künftig monatlich

Im neuen Jahr wird meine Literaturtalksendung nicht mehr vierteljährlich, sondern monatlich ausgestrahlt. Als Sponsor konnte die Alpha-Buchhandelskette gewonnen werden, die mit über 30 Filialen zu den führenden Unternehmen der Branche gehört. Eine spannende neue Folge von Auserlesen steht übrigens online bereit: Ich hatte Uwe Birnstein zu Gast, der als Journalist für die ZEIT, die taz, den SWR und den NDR arbeitet, und seine Frau Juliane Werding. Ihr gelang der musikalische Durchbruch 1972 mit der Veröffentlichung von "Am Tag, als Conny Kramer starb". Der Titel erreichte den ersten Platz der deutschen Charts und verkaufte sich über eine Million Mal. Seitdem hat sie 21 Alben veröffentlicht. Vor einiger Zeit haben Uwe Birnstein und Juliane Werding begonnen, gemeinsam Bücher zu schreiben. Was es damit auf sich hat, seht ihr hier.




