Manager

Heute habe ich in Berlin an einer Konferenz teilgenommen, die von der Agentur Wertikale organisiert wurde und Unternehmen dabei unterstützen soll, Werte in ihre Geschäfte zu integrieren. Meine Aufgabe war es, den Managern zu zeigen, wie man Worte wie "Respekt", "Gerechtigkeit", "Initiative" mit emotionalem Inhalt füllt. Junge, war ich aufgeregt. Da saß ich vor den Topmanagern von internationalen Konzernen, Fluglinien, Banken, Einzelhandelsketten, und ich sollte ihnen etwas beibringen!
Alle trugen dunkle Geschäftskleidung – ich ein rotes Sweatshirt. Verschämt versteckte ich mein altes Handy. Der Veranstaltungsort: Das Hotel de Rome. Hier kostet eine Nacht zwischen 420 und 4.800 Euro. An der Tür begrüßt einen ein Mann mit Zylinderhut. In den Toiletten spiegelt der schwarze Marmorboden so stark, daß man das Gefühl hat, sich in der Mitte eines Raums zu befinden, der sich nach unten genauso weit fortsetzt wie nach oben, man wird quasi ein Fisch, der im mittleren Bereich des Aquariums schwimmt. Kurz: Ich war beeindruckt. Und ich hatte Angst. Als ich zu reden begann, haben meine Hände gezittert.
Trotzdem lief es sehr gut. Die steinernen Managergesichter wurden weicher, ein erstes Lächeln stahl sich auf die Gesichter der Frauen und Männer, und schließlich erzählten sie von sich und wurden so zu Menschen für mich. Einer hat vier Kinder, ein anderer mag lateinamerikanische Musik, eine Frau hat Literatur studiert wie ich. Wir fingen an zu scherzen. Wir sahen uns in die Augen und respektierten uns. Das war eine schöne Erfahrung für mich. Nun sitze ich im Zug nach Hause und meine Hände zittern überhaupt nicht mehr.
Die weiteren Meldungen: Die Männerzeitschrift BEST LIFE hat zehn Autoren zum Thema Weisheit interviewt. Amüsant zu lesen! Mit dabei sind unter anderem Friedrich Ani, Andreas Eschbach, Walter Kempowski (kurz vor seinem Tod noch interviewt), Frank Schätzing und ich. Falls ihr unterwegs an einer Bahnhofsbuchhandlung vorbeikommt und gerade Lesestoff sucht, schaut mal hinein.
Resümee

Der Großteil der Lesungen ist geschafft. Ich bin wieder zu Hause! Warum mag man sein Zimmer so sehr?
Gefallen euch Statistiken? Ich ziehe gerade ein Resümee.
Seit Anfang des Jahres haben etwa 2.400 Menschen eine Lesung von mir besucht, pro Lesung im Schnitt 60. (Ich habe es dieses Jahr zum erstenmal aufgeschrieben.) Meinen euphorischen Dank an alle Veranstalter! Ihr habt Flyer verteilt, Plakate aufgehängt, Schaufenster gestaltet, Stühle geschleppt, Bücherberge errichtet ... Danke für euren enormen Einsatz!
In Deutschland wurden, wenn ich richtig rechne, bis heute etwas mehr als eine Viertelmillion von meinen Büchern gekauft. Jungejunge. Danke! Ohne euch, liebe Leser, wären wir Autoren aufgeschmissen. Ihr entscheidet über unser Wohl und Wehe. Danke, daß ihr mir soviel Wohl gegeben habt.
Jeden Monat lesen 3.000 verschiedene Menschen dieses Journal. Das haut mich nun aber wirklich um. Ich plappere doch bloß über meinen Alltag! Am besten, ich vergesse die Zahl schnell wieder, sonst werde ich gehemmt. Vor so vielen Leuten hätte ich sicher nicht lauter Belanglosigkeiten erzählt. Aber ich will nicht damit aufhören. Die Kleinigkeiten machen in Wahrheit das Leben aus, finde ich. In den Kleinigkeiten steckt die schönste Musik. Also noch einmal ganz offiziell: Willkommen in meinem Wohnzimmer! Es ist ein bißchen eng für uns alle, aber da hinten neben dem Bücherregal ist noch ein Platz, und du, könntest du bitte unter den Tisch kriechen? Hey, ihr da hinter der Gardine, drängelt nicht so, ihr reißt sie noch ab! Schichtwechsel! Jetzt dürft ihr vier mal auf die Couch.
Ritterspiele auf dem Cafétisch

Mein erster Journaleintrag von einem Autobahnrastplatz. Der Bahnstreik macht’s möglich. Mußte auf einen Mietwagen umsteigen. Da ich wegen der Staus sowieso den Tanzkurs heute abend verpasse, kann ich auch ein bißchen Pause machen und euch vom Tag berichten.
Ich durfte heute in einer kleinen Fernsehsendung vom Mysterium erzählen. Das war aber nicht alles. Schaut mal, was wir gemacht haben: Wir haben mit Rittern gespielt!
Andy Lang hat die Schlacht gewonnen, er hat meinen Ritter mit seiner Plastiklanze aufgespießt. Es war eine amüsante Talkrunde. Spannend fand ich es auch in der Maske (dort wird das Gesicht fernsehreif geschminkt): Als ich die Maskenbildnerin – heißt das so? – beiläufig fragte, wen sie denn sonst so schminkt, zählte sie einige Namen auf. Harald Schmidt?, fragte ich, der Harald Schmidt? Ich wollte mehr wissen. Ist er vor einer Sendung ganz still und in sich versunken, sammelt er sich, braucht er da Ruhe? Nein, sagte sie, es sei sehr lustig mit ihm. Das kann ich mir vorstellen!
Die elend lange Rückfahrt von Stuttgart, die ich viel lieber im ICE verbracht hätte, versüße ich mir mit Musik. Andy Lang hat mir seine neue CD geschenkt, wunderbar ist sie! Die Musik geht ein wenig ins Keltische, und jedes Lied ist anders, jedes ein Kunstwerk für sich. Außerdem traf ich Samuel Jersak vor dem Studio, und auch er hat mir sein neues Album geschenkt. Es trägt den Titel Journey to Sydney. Feinster Jazz! Bis auf ein Lied sind es alles Instrumentalstücke. Mögt ihr Jazz? Kaufen!
Leserunden

Wer Das Mysterium gemeinsam mit anderen lesen möchte, kann an einer der beiden Leserunden teilnehmen, die dieser Tage starten. Beide begleite ich und beantworte die Fragen der Leser. Buechereule.de ist quicklebendiges Forum für Leseratten. Auf Montsegur.de treffen sich Autoren und tauschen sich aus. Zur Leserunde der Büchereulen, zur Leserunde im Autorenforum Montségur.
Musik und eine Drei-Stunden-Lesung

Im Frühstücksraum des Hotels spielt leise Musik. Ich mag Musik, aber wenn sie so leise ist, daß man zwischen den Gesprächen der anderen Gäste und dem Tellerklappern immer nur drei Töne hört und dann die nächsten sieben verpaßt, macht mich das wahnsinnig. Ich möchte am liebsten die Luft anhalten und auch alle anderen zur Stille verpflichten, um das Lied richtig hören zu können. Jedes Geräusch ist ein Ärgernis.
Gestern haben wir die Zuhörer volle drei Stunden unterhalten. Sabine Weigand las aus ihrem noch unveröffentlichten neuen Roman. (Ich weiß nicht, ob ich den Arbeitstitel oder das Thema verraten darf.) Ich las aus dem Mysterium. Die meiste Zeit aber haben wir auf der Bühne gesessen und geplaudert, gescherzt, uns gegenseitig Dinge gefragt wie: Weinst du beim Schreiben? Hattest du als Kind Angst im Dunkeln? Und ich hatte den Eindruck, daß das Publikum bestens unterhalten war. Immer wieder gab es lautes Gelächter.
Der Veranstalter, den ich um seinen Namen beneide – er heißt Wolf, oh, ich würde auch so gerne Wolf heißen! – kennt Sabine Weigand gut, er wußte, daß sie hervorragend singt, vor allem Jazz. Also hat er uns am Ende noch Musik machen lassen. Sabine sang Summertime, und ich begleitete sie am Klavier. Durch solche Einlagen und das lockere Plaudern hatte der Abend etwas salonhaftes. Die Zuschauer und wir bildeten eine Familie. Liebe Grüße an alle "Familienangehörigen" da draußen!
Versöhnung

28 Seiten. Wir versöhnen uns. Plötzlich fügen sich Details aus der Recherche in den Erzählfluß ein, und ich beginne, meine Protagonisten zu verstehen. Einer von ihnen wollte ein wenig derber sein, ich hatte ihn zu sanft gezeichnet. Er will fluchen und egoistisch denken. Das darf er natürlich, auch wenn er eine der Identifikationspersonen ist. Am Ende erwischt es ihn heftig genug.
Ein Sturm, ein Kuß

Es ist immer dasselbe. Zu Beginn der Arbeit an einem neuen Roman gerate ich in eine Krise. Das ist so, als würde der Roman in Form einer Person mein Zimmer betreten und sagen: "Ich wohne hier, das ganze nächste Jahr lang." Daraufhin schaue ich ihn mir genauer an, und finde gleich einiges auszusetzen, und wir geraten in einen Streit. Der Streit kann Wochen dauern. Er ist notwendig.
Jetzt, wo ich mich mit dem neuen Roman streite, schaue ich mir das Bücherregal an und sehe die Bücher, auf deren Rücken Titus Müller steht, und frage mich, wie um alles in der Welt ich sie fertiggestellt habe. Dieses fremde Jahrhundert! Immer wenn ich meine, es verstanden zu haben, bricht meine Vorstellung des Zeitalters wieder in sich zusammen. Wollte man sich ins Private zurückziehen, oder war der öffentliche Prunk wichtiger? Wie hat sich ein Mann die Perücke gepudert? Wo hat man seine Taschenuhr befestigt? Wer hat zum Frühstück zimtgewürzte, verflüssigte Schokolade gegessen, wer hat sich Sklaven gehalten, wieviele Kanonen hatte ein gewisses Schiff?
Ich wollte schon 90 Seiten geschrieben haben. Fertig sind gerade einmal 12. Mit denen bin ich zum Glück zufrieden: Ein Sturm auf hoher See, ein Kuß, eine Ungerechtigkeit. So kann der Roman beginnen.
Den Sturm zu beschreiben, fiel mir leicht. Ich mußte nur auf Erinnerungen zurückgreifen: Ich war einmal für ein paar Wochen mit einem alten Robbenfängerschiff unterwegs bei furchtbarem Sturmwetter. Das Bild oben rechts habe ich übrigens auf der Isle of Wight gemacht, letztes Jahr, als das Meer aufgewühlt war.
Bei der Recherche ist mir etwas Tolles passiert. Ich richtete einige Fragen an Frau Dr. Rita Haupt, die das Referat Geschichte und Medien des Jesuitenordens leitet. Ob ich überhaupt Antwort bekommen würde, da war ich mir nicht sicher – Historiker stehen Romanen mitunter skeptisch gegenüber. Es kam aber tatsächlich eine Antwort, und sie war überaus freundlich. Frau Haupt kannte meine Romane! Sie schrieb, sie habe alle gelesen bis auf einen. Nun habe ich jemanden gefunden, der mir hilft, und zudem der Literatur gegenüber aufgeschlossen ist. Juchhu!
Vom Glück zu leben war kurzzeitig vergriffen. Jetzt wurde es neu aufgelegt, heute kamen die Belegexemplare. Ich bin sehr froh darüber. Auf eine seltsame Weise liegt mir dieses Buch besonders am Herzen. Hatte ich da auch einen Streit zu Beginn? Muß man immer erst streiten, um sich dann liebzugewinnen? Verstehe einer die Bücher!




