Das Alphabet

Auf meinem Tisch liegt ein Stapel Fahrkarten. Daneben Wegskizzen zu Hotels und Veranstaltungsorten. Seit Tagen ziehe ich abgetragene Sachen an, damit die guten Kleidungsstücke für die Lesungen sauber bleiben. Die nächsten Wochen werde ich kaum zu Hause sein. Zusätzlich zu den Lesungen warten weitere Aufzeichnungen von "Auserlesen" auf mich und Termine auf der Frankfurter Buchmesse. Zwischendrin werde ich auch noch 30.
Jungejunge.
Für den Roman gehe ich inzwischen immer wieder meine Notizen durch und baue an der Handlung. Im Moment bereitet mir vor allem ein Geschwisterpaar Freude, Zwillingsschwestern, die verschiedener nicht sein könnten. Unter anderem geht es ihnen um einen Mann. Der aber hat sein eigenes, tieftrauriges Geheimnis.
Heute kamen die Belegexemplare für die Weltbild-Ausgabe der "Brillenmacherin". Die bekommt man nur über die Sammleredition Mittelalterromane, quasi ein Roman-Abonnement.
Mir begegnete kürzlich eine schöne Aussage. Jochen Jung, der Leiter des Jung und Jung Verlags in Salzburg, sagte auf boersenblatt.net: "Vergessen wir nicht, was unserer Branche anvertraut ist: das Alphabet, die Schrift, die Wissenschaft, das Übersetzen, die Fantasie, die Erziehung, die Bilderwelt, um nur ein paar Dinge zu nennen."
Eine Verantwortung, die sich anfühlt wie ein Geschenk.
Fahrstuhl oder Treppe

Mein Hotel in München besaß den erstaunlichsten Fahrstuhl, den ich je gesehen habe. Zugelassene Personenzahl: 2. Das stand außen dran. Um ihn zu betreten, mußte man zuerst einen eisernen Knopf drehen und die Fahrstuhltür aufziehen, dann zwei hölzerne Laden nach innen stoßen. Sobald man einen Schritt in die Kammer tat, spürte man, wie sie unter einem wegsackte, etwa vier Zentimeter, genug, um Entsetzen hervorzurufen und das Gefühl, im nächsten Moment mit dem Fahrstuhl abzustürzen. Er wurde 1950 gebaut. War das damals immer so?
Also die Treppe. Mein Zimmer befand sich im fünften Stock, und auf der hölzernen, breiten Treppe nach unten knarrte jede Stufe laut und eigensinnig, so, wie es bei gewöhnlichen Treppen eine einzige Stufe tut, die man dann "Einbrecherwarnung" nennt. Ich war auf dem Weg durch die Etagen sicher, das ganze Hotel geweckt zu haben mit dem Treppenlärm.
Aber wißt ihr was? Solche Eigensinnigkeiten machen ein Haus sympathisch. Das Hotel hatte Charakter.
Kochen

Mein Herd ist blöd. Ich habe heute Kartoffelpuffer gebraten, und auf Stufe 2 sind sie verbrannt, auf Stufe 1,5 wurden sie aber ewig nichts. Was soll das? Außerdem hat mein Ofen keine mittlere Schiene. Auf Packungen steht immer: Die geöffnete Aluschale in die Mitte des Backofens auf den Grillrost schieben. Und was, wenn es keine Mitte gibt? Ich sag’s euch, überlegt euch das mit dem Quiz – ich glaube, ich kann euch nichts Schönes kochen.
Mein Bruder hat als Lösungen für den Quiz folgende Namen vorgeschlagen:
Leonene von Hellsrich-Beuermeistkamp
Hoinrich Tillstmitter
Barnine-Moreia Ammtsmang
Max Okkensteindruff
Julian, du kannst mich auch einfach so besuchen kommen! Bring etwas zu essen mit.
Erlebnis Gera

Schön war’s in Gera. Rosemarie Züge, ihre Tochter und das Team der Buchhandlung haben es geschafft, ganze zweihundert Lesungsbesucher zu motivieren. Der Rathaussaal war voll besetzt. Ein Vergnügen, diesen Neugierigen den Roman vorzustellen.
Ich hatte diesmal ausschließlich spannungsgeladene Passagen ausgewählt, was Sören Wendt vor ernsthafte Probleme stellte. Kurz vor Lesungsbeginn sprachen wir darüber, welche Stücke er im Wechsel mit den Textabschnitten auf der Wanderharfe spielen würde, und erst da fiel mir auf, daß es nicht gerade leicht ist, mit einer Harfe dramatische Filmmusik erklingen zu lassen. Aber er hat es geschafft, und wir haben sogar ein neues Experiment gewagt: An einer Stelle hat er gespielt, während ich las (üblicherweise wechseln wir uns ab). Es ging sehr gut.
Trotzdem werde ich nächstes Mal wieder eine romantische Szene lesen. Das fehlte irgendwie. Der Roman erschien insgesamt zu düster. Wie jedesmal wechsele ich zu Beginn einer Lesereise die Passagen aus, bis ich die besten gefunden habe. Man kann das nur mit Publikum ausprobieren.
Gestern haben wir dann in Gera noch einen Beitrag für das Regionalfernsehen gedreht. Andreas Erben hat mich dafür auf das Gelände der Bundesgartenschau geführt, und dort liefen natürlich Leute herum. Eine Frau beteiligte sich, obwohl wir sie überhaupt nicht kannten. Wir drehten vor einem älteren Gemäuer und hatten eine Bank dorthin getragen, um nicht nur im Stehen, sondern auch mal im Sitzen zu drehen. Die Frau sagte: "Setzen Sie sich doch dort auf die Steine! Das wirkt viel besser. Die Bank paßt nicht, soll es nicht historisch aussehen?" Recht hatte sie! Also haben wir die Bank wieder aus dem Bild getragen und haben uns auf die Steine gesetzt. Andreas und Kameramann Michael waren sehr zufrieden. Dank an die Unbekannte!
Um das "Erlebnis Gera" abzuschließen: Die örtliche Tageszeitung hat ein Interview mit mir geführt, und diesmal wollte ich gut in Form sein. Ich habe mir extra überlegt, was ich auf die Frage antworten würde, wie ich den Lesern Das Mysterium schmackhaft machen könnte. Die Frage kam nicht. Statt dessen ganz andere. Man kann sich auf Interviews einfach nicht vorbereiten!
Meine vorüberlegte Antwort wollte ich von einem Interview übernehmen, das eine Literaturzeitschrift vor einiger Zeit mit mir geführt hat. Jetzt sage ich sie wenigstens euch:
In meinem neuen Roman Das Mysterium geht es um einen genialen Betrüger, einen Mann, der versucht, perfekt zu sein, ein Kammermädchen, das vor allem und jedem Angst hat, und um William Ockham, der in Ecos Der Name der Rose als William von Baskerville auftrat.
So klingt es doch ganz nett, oder? Eine erste Leserin erinnerte mich per E-Mail an eine weitere verrückte Figur des Romans: Inquisitor Vizenz.
Dieser Vizenz "gefällt" mir. Er ist ein typischer Jammerlappen, der ständig irgendwelche Zipperlein hat, sich aber sicher nicht scheut, anderen die größten Schmerzen zuzufügen, schließlich ist er Inquisitor.
Genauso ist es. Ich glaube, ihr begreift den Roman besser als ich.
Interview und Gewinnspiel

Auf der Website des Aufbau-Verlags wird mit einigen Themenseiten für Das Mysterium geworben. Darunter ein gelungenes Interview, wie ich finde, und ein Gewinnspiel. Wer die Quizfrage beantwortet und ausgelost wird, den lade ich zu mir nach Hause ein. Ich versuche sogar, für ihn zu kochen! Zu den Themenseiten




