Neue Bestzeit für den Taxifahrer

Freitag. Fünf Uhr weckte mich das Handy. Ich war so schnell reisefertig, daß ich noch einmal das Notebook hochfahren konnte, um zwei Mails für die nächste "Auserlesen"-Sendung zu verschicken. Beim Schreiben der Mails verlor ich das Zeitgefühl. Der nächste Blick auf die Uhr war ein Schock.
Ich rannte mit meinem Gepäck runter zur Rezeption, bezahlte den Aufenthalt, stürmte zum Taxi. Leider sprach der Taxi-Fahrer kein Wort Englisch, wie ich nach der Abfahrt feststellen mußte. Daß es zum Flughafen gehen sollte, hatte ihm der Hotelangestellte schon gesagt, aber wie sollte ich ihm bedeuten, daß es schnell gehen mußte? Ich betete im Stillen: Gott, laß mich das Flugzeug nicht verpassen! Der Flughafen lag am anderen Ende der Stadt.
Da drückte der Taxifahrer aufs Gaspedal. Wir haben kein Wort geredet – er fing einfach an zu rasen. Mein Eindruck war: Es machte ihm Spaß. Wie ein Irrer jagte er mit mir durch die Stadt. Hat er mir die Eile angesehen? Er hat kein einziges Mal den Blinker gesetzt, nicht beim Abbiegen, nicht beim Spurwechsel. Kurven wurden geschnitten, nach Ampelstops fuhr wie ein Rennfahrer an. In nur zwanzig Minuten erreichten wir den Flughafen. Obwohl ich wußte, daß er mich nicht versteht, sagte ich: "Thank you for driving so fast." Ich gab ihm ein freundliches Trinkgeld.
Im Flieger saß neben mir ein Chinese. Er las eine SMS – chinesische Schriftzeichen auf seinem Handy-Display. Wie können Chinesen SMS-Nachrichten verschicken? Das fragte ich mich. 13.000 Zeichen, oder in der vereinfachten Version 6.000 Zeichen! Bei zwölf Tasten hieße das, für einen Buchstaben bis zu 500mal eine Taste zu drücken.
Habe es zu Hause nachgelesen. Es funktioniert anders. Die Chinesen schreiben die Zeichen auf, es gibt eine Schrifterkennungssoftware. Und sogar eine Art T9, um mögliche weitere Zeichen vorauszusagen.
Nach solchen Reisegedanken, den restlichen Kopf voll mit der erkundeten Stadt und dem neuen Romanthema, durfte ich heute ein Radiointerview zum Mysterium geben. Gar nicht leicht. Ich wurde gefragt: Wie würden Sie unseren Hörern den Roman schmackhaft machen, worum geht es im Roman? Ja, worum ging es doch gleich? Ich habe eine andere, neue Geschichte im Kopf! Vor der Lesung nächste Woche muß ich mich unbedingt noch einmal in den alten Stoff vertiefen.
Ehe ich es vergesse: Heute müßte der Roman in den meisten Buchhandlungen eingetroffen sein, die restlichen bekommen ihn morgen.
Im fremden Land

Bin seit gestern und noch für den Rest der Woche am Romanschauplatz. Seltsam, sie haben mir im Hotel eine kleine Glasschale mit Wasser hingestellt. Soll ich darin die Fingerspitzen baden? Ich habe das Wasser gekostet, es schmeckt nicht nach Zitrone, es ist einfaches Leitungswasser. Ist die Schale dafür gedacht, daß man darin ungeliebte Insekten ertränkt? Soll ich Obst darin waschen? Das ergibt alles keinen Sinn.
In einem neuen Land muß man vieles erst lernen. Ich habe heute gelernt, daß man hier an der Haltestelle die Hand heben muß, sonst hält der Bus nicht an. Auch wenn man auf die Straße springt, um den Fahrer zu zeigen, daß man mitfahren will – er guckt auf die Hand, und wenn sich die nicht hebt, fährt er vorüber.
Die Menschen sind sonst aber sehr freundlich. Auch die, die kein Englisch können, versuchen, sich mit mir zu unterhalten. Sie reden einfach, und ich lächele und zucke die Achseln. Ich notiere Dinge wie: Ein Mann führt am Strick einen Hund spazieren. Aus Erfahrung weiß ich, die meisten Sätze, die ich hier niederschreibe, kommen unverändert im Roman vor.
Diese Ruine habe ich heute besucht. Das war mal ein Kloster, zu Beginn meines Romans.
In einem Museum habe ich heimlich – ohne Blitz – fotografiert. Das ging nicht anders. Der kümmerliche Ausstellungskatalog gab gerade die Dinge nicht wieder, die ich für den Roman brauche. Die Aufpasserin kam zurück in den Raum, als ich den Fotoapparat wieder verstaut hatte. Sie sah mich böse an. Ich lächelte und zuckte die Achseln. Da lächelte sie vergebungsbereit zurück.
Gier

Ich habe keinen Tiefkühlschrank. Auch kein Tiefkühlfach im Kühlschrank. Das ist Absicht. Es bringt mich dazu, öfter aus dem Haus zu gehen. Zum Einkaufen gehe ich hügelabwärts an das andere Ende des Ortes, dann steige ich mit den Einkäufen wieder hügelan bis zu meinem Haus. Alle zwei Tage mache ich das.
Gestern gab es Melonen. Alle kosteten gleich viel. Sie waren aber verschieden groß. Einige so groß wie Flußpferdköpfe. In mir rang die Faulheit – immerhin würde ich den Flußpferdkopf eine Viertelstunde hügelan tragen – mit der Gier: Zum selben Preis! Dreimal so groß wie die anderen!
Die Gier hat gewonnen. Ich schwitzte, als ich zu Hause ankam, und wuchtete mit Mühe die Melone noch die Treppen hinauf. Heute abend habe ich sie angeschnitten. Leute! Was für eine Frucht!
Mein ganzes Zimmer riecht süß nach der Melone. Sie ist saftig. Sie ist aromatisch und schmackhaft. Und sie ist viel. Ha! Das wird ein Fest, das mehrere Tage andauert.
Entscheidungen eines Geschichtenerzählers

Etwa ein Drittel der Themen, die ich für den neuen Roman recherchieren möchte, sind ergründet. 43 Seiten mit Notizen habe ich im Computer. Inzwischen stoße beim Lesen immer öfter auf Einzelheiten, die ich aus anderen Quellen schon weiß. Manchmal widersprechen sich die Historiker. War mein Protagonist selbstherrlich und grausam, oder wurde er nur von seinen Feinden so dargestellt? Wurden die Verschwörer am 12. Januar oder am 13. Januar hingerichtet?
Noch habe ich die Faktenbrille auf und will alles genau wissen. Irgendwann, in einigen Wochen, setze ich sie ab, und treffe die Entscheidungen eines Geschichtenerzählers. Das Herausgefundene löst sich dann von der Wirklichkeit. Bei mir werden die Verschwörer am 13. Januar hingerichtet, und damit wird es die Wahrheit für die Protagonisten. Die Raben kreisen über dem Schafott. Königliche Truppen umstellen die Jesuitenkollegien. Wer sollte da am Tag zweifeln?
Mönche, Meuchler, Minnesänger

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