Rara
27. Juli 2007

Ich liebe Bibliotheken. Den Geruch von säuerndem Papier, die Tausende und Abertausende Bücher, von denen mir jedes Weisheiten zuflüstern möchte. Auch Bibliothekare lieben Bibliotheken. Als ich gestern in die Spezialabteilung für alte Karten kam und meinen Wunsch äußerte, ging die Bibliothekarin mit Feuereifer ans Werk. Nach einer Viertelstunde Suche breitete sie auf dem Tisch die alten Karten aus und sagte: "Das sehe ich auch zum ersten Mal." Wir waren wie zwei Kinder, die ein Geheimnis teilen.

Einige alte Dokumente konnte sie mir nicht beschaffen, sie schrieb mir auf den "Laufzettel" zur Handschriftenabteilung: Rara. Die Art, wie sie das Wort dabei aussprach! Rara sind Schätze. Bibliothekare sind Schatzhüter. Das habe ich da zum ersten Mal begriffen.

Heute war ich im Handschriften-Lesesaal, um die Rara in Empfang zu nehmen. Eines davon war ein Buch, das – in Holz und Leder eingebunden – die Flügelspannweite eines Schwans hat. Ich könnte es auf meinem Schreibtisch gar nicht ablegen, es würde vorn und hinten überragen. Ich erhielt zum Unterlegen einen Schaumstoffkeil, damit keine Seite bricht, wenn ich das Riesenbuch aufgeschlagen habe. Wie hüpfte mein Herz, als ich in diesem Buch eine alte Karte meines Romanschauplatzes fand, und zwar aus der Zeit zwanzig Jahre vor der Romanhandlung! Ich habe die Erlaubnis erhalten, nächstes Mal meine Digitalkamera mitzubringen und sie abzufotografieren.

Leute, ich habe einen Traumberuf.



Die Jagd nach einem Buch
26. Juli 2007

So etwas ist mir noch nie passiert. Es gibt ein Buch, das ich zur Vorbereitung auf den Roman unbedingt lesen möchte, aber ich kann es nicht auftreiben. Weder ist es neu zu erwerben, noch gebraucht. Ich habe sämtliche Verzeichnisse antiquarischer Bücher durchgekämmt. Nicht nur, daß es niemand zum Verkauf anbietet, nein, der Hammer ist: Das Buch steht außerdem in keiner Bibliothek! Weder in der Staatsbibliothek Berlin, noch in der Deutschen Nationalbibliothek – was eigentlich nicht sein dürfte, weil die Verlage verpflichtet sind, von jedem publizierten Buch zwei Exemplare an die Nationalbibliothek zu schicken.

Was tun? Ich habe mich heute an den Autor gewandt. Wenn er mir nicht weiterhelfen kann, werde ich dem Verlag schreiben. Da seht ihr, wie kostbar Bücher sind. Auch wenn ich viele andere bereits lese, genau dieses brauche ich! Wie muß das in Zeitaltern gewesen sein, als von jedem Buch nur wenige Exemplare existierten? Hätte ich da die Klöster bereisen müssen, oder einen König überreden müssen, mir sein Exemplar zu leihen? Ich beginne zu verstehen, weshalb es im Mittelalter häufig Buchdiebstahl gab. Wenn ich einen Nachbarn wüßte, der das Buch besitzt ... Unfug. Ich würde fragen, natürlich.



Die Schwachstelle bei Dan Brown
18. Juli 2007

Welche Noten Andreas Malessa in der Schule hatte, wie er Karriere machte als Hörfunk- und Fernsehjournalist, was er für die Schwachstelle bei Dan Brown hält und warum er das Kleine Lexikon religiöser Irrtümer geschrieben hat, das könnt ihr jetzt auch im Internet erfahren. Die erste Sendung von Auserlesen ist online zu sehen (RealPlayer benötigt).



Angriff der Hühner
13. Juli 2007

Das zahme Huhn in der Brillenmacherin, das Scharbockskraut in der Priestertochter, das schwache Bienenvolk im Mysterium – jeder meiner Romane enthält Erfahrungen, die man nur auf dem Land machen kann. Wo habe ich die her? Meine Vorfahren väterlicherseits waren Bauern. Bei jedem Besuch lasse ich mir von ihnen Details erzählen aus den Zeiten, als sie noch Kühe im Stall hatten und Sensen schärften.

Gestern habe ich wieder einmal einen Teil der Verwandtschaft besucht. Ihre Schafe liefen vor mir weg und sammelten sich dicht aneinandergedrängt als angstvoller Pulk auf Weide, die Köpfe erhoben, um zu sehen, ob der Fremde ihnen etwa folgte.

Ganz anders die Hühner und der Hahn. Sie umringten mich neugierig. Ein Huhn fand die Schnürsenkel meiner Schuhe, zog daran, bis sich die Schleife aufgelöst hatte. Da ging das wilde Picken los. Die zehn Hühner packten das Schnürsenkelende – einen vermeintlichen Regenwurm – und zogen daran. Ich riß es immer wieder los, lachte lauthals, tanzte auf einem Bein inmitten der Hühnerschar, und sie reckten die Hälse, faßten mit den Schnäbeln nach den herabhängenden Senkeln. Ich ging einen Schritt. Sofort waren sie wieder um mich. Wie fühlt sich Hühnerpicken durch das Wildleder der Schuhe an? Ich kann nur sagen: Man muß lachen und ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob die Hühner den Angriff ernst meinen oder selber fröhlich Theater spielen.



Historische Romane
12. Juli 2007

Vor ein paar Tagen erfuhr ich, daß der Aufbau Verlag zwei Newsletter betreibt. Bisher kannte ich nur den Endkunden-Newsletter (so nennen sie ihn, das ist der, der an die Leser geht), nun durfte ich auch den Buchhändler-Newsletter kennenlernen. Wir haben eine kleine Aktion veranstaltet: Ich sollte im Newsletter erklären, warum ich historische Romane schreibe, und die Buchhändler haben geantwortet, was ihren Käufern bei der Lektüre von historischen Romanen wichtig ist.

Hier zuerst mein Text, dann einige Auszüge aus dem, was die Buchhändlerinnen gemailt haben.

"Warum ich historische Romane schreibe? Der Blick auf vergangene Zeiten ist genau das, was wir heute brauchen. Wir sind blind für den Luxus, in dem wir leben. Unserem Luxus den mittelalterlichen Alltag gegenüberzustellen, öffnet uns die Augen. Es macht uns dankbar. Außerdem haben wir Angst vor großen Fragen. Die hatte man im Mittelalter nicht. Seltsam, oder? Denen der Scheiterhaufen drohte, die haben den Mund aufgemacht. Wir haben Redefreiheit und sind stumm. Wir müssen reden, müssen Fragen stellen, und uns um unsere Gesellschaft kümmern, die gleichgültig und individualistisch geworden ist. Ich hoffe, meine Leser genießen die Unterhaltung durch spannende Romane – und kehren ermutigt in die heutige Zeit zurück."

"Viele Leser wollen Zeitvertreib – sprich lesen, wollen aber auch etwas lernen dabei oder auch etwas über die vergangenen Zeiten erfahren. Deshalb ist es wichtig, das der historische Roman auch gut recherchiert ist." Monika Brackmann, Bad Oeynhausen

"Ja, das ist es: sich in eine Welt zuflüchten, die wir nicht haben. Aber auch mit dem Gefühl, sich von dieser Zeit (historisch) abgrenzen zu können, wenn die Grausamkeit zu groß ist." Steffi M. Black, München

"Was ist mir bei historischen Romanen wichtig? Gute Recherche des Autors. Ich erwarte historische Zuverlässigkeit. Wenn der Autor des Handlungsflusses wegen Ereignisse ‘verlegt’, soll er es offen sagen, ebenso, wenn er sich bei der Darstellung historischer Figuren Freiheiten nimmt. Bitte keine ‘modernen’ Figuren im historischen Roman! Also bitte nicht diese allzu toughen, smarten Frauen, die ihr (Liebes)Leben völlig problemlos gestalten. Chicklit im historischen Kleid, sozusagen. Mich nervt es, wenn keine Brechung mehr spürbar ist. Menschen im Mittelalter hatten nicht nur völlig andere Lebensbedingungen, sondern auch ein anderes Lebensgefühl." Dorothee Hartmann

"Meine vorwiegend weiblichen Leser der hist. Romane finden es immer toll, wenn sie sich fühlen, als ob sie mitten im Geschehen dabei sind und wenn es um ein spannendes Frauenschicksal geht, das am Ende gut ausgeht." Karin Schäfer, Biblis

Besonders spannend fand ich den Hinweis, daß eine Brechung notwendig ist. Gerade diese Unterschiedlichkeit von damals zu heute kann, denke ich, den Reiz eines historischen Romans ausmachen. Sie gibt den berühmten "sense of wonder", und sie hilft, das Heute mit anderen Augen zu sehen.

Ich lese gerade Predigtmanuskripte, in denen die Zeitgenossen versuchen, das Ereignis wissenschaftlich zu erklären, das den Kern des neuen Romans ausmacht. Sehr spannend! Auf so verrückte Ideen wäre ich nie gekommen. Ich werde sie alle verwenden. Manchmal habe ich das Gefühl, der Roman schreibt sich von allein.



A. und C.
09. Juli 2007

Beim siebten Roman ist manches schon eingeübt. Ich weiß nicht, ob der Roman gelingen wird, aber ich weiß, wie ich die Ergebnisse der Recherche so notiere, daß ich sie später schnell wiederfinde.

Eine Datei heißt "Namen". Dorthinein schreibe ich interessante Namen, die mir bei der Recherche begegnen, getrennt nach Männern und Frauen, und innerhalb des Geschlechts nach dem Alphabet sortiert. Warum? Weil ich im Roman vermeiden will, daß zwei Protagonisten mit demselben Buchstaben beginnen. Leser können die Figuren besser auseinanderhalten, wenn es nur eine mit "A" und nur eine mit "C" gibt. Ist jemand zu benennen, öffne ich meine Namensliste, schließe die Anfänge aus, die schon vergeben sind, und wähle von den übrigen ein paar Namen, die passen könnten. Es ist wichtig, daß der Name paßt. Für diese Entscheidung brauche ich mitunter Stunden oder gar Tage. Eine große Auswahl hilft. Ich brauche eine lange Liste mit Namen aus der passenden Zeit und Gegend. Einige schöne würde ich euch gern schon nennen, aber dann erratet ihr, wo der Roman spielt. Ich brauche dieses Geheimnis noch. Es schützt die zarte Haut der Geschichte.



Sie hat angebissen
05. Juli 2007

Sieben Seiten Notizen. Außerdem ein erster Protagonist, auf den ich mich sehr freue. Ich sehe gewisse Szenen mit ihm so deutlich vor Augen, als hätte ich sie erlebt. Das ist ein gutes Zeichen. Ich habe meiner Muse Köder ausgelegt, und sie hat angebissen.

Bald muß ich entscheiden, in welchem zeitlichen Rahmen die Geschichte sich bewegen soll. Das große Ereignis soll im ersten Drittel des Romans geschehen, ich will vor allem seine Folgen beschreiben. Heute habe ich allerdings festgestellt, daß es drei Jahre nach dem Ereignis eine heftige Intrige und ein Attentat gab. Nehme ich sie mit hinein in den Roman? Dafür müßten sie tief mit der eigentlichen Handlung verwoben sein.

Die Entscheidung will ich nicht überstürzen. Ich treffe sie irgendwann in den nächsten Tagen, ohne Eile. Auf jeden Fall geben die Zeit und der Ort viel her. Dinge wegzulassen ist immer leicht. Es ist gut, aus dem Vollen schöpfen zu können.

Auf den Mikrofilmen sind jeweils mehrere Bücher festgehalten, sehr alte Bücher. Neben den Augenzeugenberichten fand ich zufällig ein Kochbuch aus der Zeit meines Romans. Ich habe es gleich mit abgescannt. Darin waren nicht nur Rezepte, sondern sogar auch die Anordnung der Schüsseln auf dem Tisch beschrieben. Es wird Spaß machen, das abzugucken für den Roman. Meine Leser werden denken, ich habe es mir ausgedacht.



Startschuß für den neuen Roman
04. Juli 2007

Ich weiß nichts über das Land. Ich weiß kaum etwas über das Jahrhundert. In den nächsten zwölf Monaten werde ich Experte. Viel Arbeit? So etwas macht Spaß! Es ist, als würde man in einen Schrank klettern und käme auf der anderen Seite in einer fremden neuen Welt heraus. Ein bestimmtes historisches Ereignis fasziniert mich so sehr, daß ich mich von heute an ein Jahr lang damit beschäftigen will. Ich grabe mich in Bücher, reise an den Handlungsort (habe den Flug gerade gebucht), lese die Briefe von Zeitzeugen.

Als ich mir heute die ersten Bücher auslieh, fragte die Bibliothekarin: "Schreiben Sie an einem neuen Roman?" Ich fühlte mich ungefähr so, als hätte ich ein Buch gestohlen und wäre dabei erwischt worden. Woher kannte sie mich? Zögerlich fing ich an, von der neuen Idee zu erzählen. Die Bibliothekarin sagte: "Das hört sich gut an! Ich verfolge das, was Sie machen. Freue mich auf den neuen Roman." Hieß das, sie sah sich an, welche Bücher ich ausleihe?

Endlich fiel mir ein, daß ich letztes Jahr auf der Isle of Wight meine Bücher nicht mehr verlängern konnte, aber während der fünf Wochen unmöglich von der Insel nach Deutschland reisen konnte, um sie in der Bibliothek vorzuzeigen. Vermutlich war das die freundliche Bibliothekarin gewesen, die eine Ausnahme für mich gemacht hatte! Nun fiel alles ins Bild. Ich lächelte, ging später noch einmal hin, um mit ihr zu plaudern.

Bei Weltbild gibt es eine Sammleredition Mittelalterromane. Dabei wird einem jeden Monat ein Roman zugeschickt. Als 10. Band erschien "Die Todgeweihte", im September folgt in derselben Reihe "Die Brillenmacherin".

Morgen geht es wieder in die Bibliothek. Ich habe mir einige Mikrofilme bestellt mit Augenzeugenberichten zum erwähnten historischen Ereignis. Noch umfassen meine Notizen zum Thema kaum anderthalb Seiten. Das wird sich in den nächsten Tagen zügig ändern.



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