Von Kellerasseln und kopulierenden Feuerwanzen

Auf dem Weg zur Buchhandlung habe ich eine Schnecke entdeckt, die den Weg überquerte. Ich habe mich hingekauert und sie ein bißchen beobachtet. Wie ich so kauerte, kamen zwei Ameisen vorübergerannt, und zu den Ameisen und der Schnecke fand sich eine Kellerassel. Mir wurde plötzlich von innen warm. Es war ein bißchen, als hätte ich Spielzeug aus meiner Kinderzeit gefunden.
Ich mußte daran denken, wie wir früher Schneckenrennen veranstaltet haben, und wie ich versucht habe, meine Schnecke mit einem Grashalm vorwärtszulocken. Ich möchte nichts beschönigen, wir waren grausam damals, haben Kellerasseln auf den Rücken gelegt oder kopulierende Feuerwanzen auseinandergerissen (wir wußten ja nicht, was sie da taten). Trotzdem dachte ich heute: Wozu braucht man ein funkgesteuertes Spielzeugauto, wenn solche schönen, glänzenden Ameisen über den Weg laufen, die man mit aufgeweichten Kekskrümeln füttern kann, und Schnecken und selbstzufriedene Kellerasseln?
Wir Menschen sind seltsam. Als Kind hätte ich sämtliche Ameisen und Kellerasseln auf den Mond gejagt, wenn ich dafür ein funkgesteuertes Spielzeugauto bekommen hätte. Braucht es so viele Jahre, bis man bestimmte Dinge begreift? Offenbar ist das so.
Bei der Lesung in Kalkriese vor zwei Wochen gab man mir den Katalog der Ausstellung "gesprochen > geschrieben > gedruckt". Darin ist eine hübsche Begebenheit berichtet, die genau das illustriert. Bevor der Buchdruck erfunden war, schrieben Mönche die Bücher von Hand ab. Jede Seite wurde Zeile für Zeile auf Fehler überprüft, bevor das Buch gebunden wurde. Als man die ersten Bücher drucken konnte, erteilte noch 1486 der Freisinger Dom den Auftrag, 400 im selben Druckstock gedruckte Meßbücher einzeln korrekturzulesen. Ha!
Zugfahren

Ich bin öfter mal orientierungslos. Ist nicht so schlimm, wenn man mit dem Auto unterwegs ist. Beim Zugfahren ist das schon anders – Fehler lassen sich hier nur schwer korrigieren. Heute bin ich wieder in einen falschen Zug eingestiegen, zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Tagen. Ich wollte nach Nürnberg, und kam in Stuttgart heraus. Ja, lacht nur. Der Schaffner hat auch gelacht, als ich auf der “Rückfahrt” eine zweite Fahrkarte lösen wollte.
Kleine Entwarnung an die Veranstalter von heute abend: Ich bin schon in Nürnberg im Bahnhof. Ich schreibe nur noch rasch diesen Journaleintrag, bringe ihn online, und dann komme ich zur Buchhandlung. Heute hatte ich viel Zeit, um von A nach B zu kommen. Ich werde pünktlich da sein.
Wollt ihr die zweite Geschichte hören? Ich kam in Leipzig auf den Bahnsteig gehetzt. Dort stand ein InterCity, und auf der Anzeigetafel war Hannover zu lesen. Später hat man mir erklärt, dort habe “Ankunft aus Hannover” gestanden, nicht “Abfahrt nach Hannover”, und meinen Zug habe man auf ein anderes Gleis verlegt, das sei doch durchgesagt worden.
Ich bin rasch eingestiegen, der Zug fuhr ab, und blieb nach wenigen Minuten stehen. Normalerweise kommt immer eine Durchsage, wenn ein Zug auf der Strecke stehenbleibt, aber hier sagte niemand was. Ich wurde unsicher. Ich ging durch den Zug – er war leer, niemand da außer mir. Über Umwege konnte ich per Handy Kontakt zum Lokführer aufbauen. Er kam zu mir und brachte mich zu Fuß über die Gleise zurück zum Bahnhof. Der leere Zug war als Reserve gedacht gewesen und hätte noch Tage dort gestanden.
Der Lokführer war übrigens sehr fürsorglich: Ich mußte seine orangene Schutzweste tragen, damit heranrauschende Züge mich gut sehen, während er nur noch seine schwarze Lederjacke anhatte und also schlechter sichtbar war, und er hat mich immer gewarnt, wenn wir ein aktives Gleis überquert haben oder wenn es eine Stolperstelle gab. Ein sympathischer Lokführer.
Was ich so mache, während ich mit Zügen in die falsche Richtung fahre? Ich lese den Umbruch des neuen Romans. Das ist ein Stapel Papier, der genau so bedruckt ist, wie später das Buch aussieht. Den guckt man noch ein letztes Mal auf Fehler durch, dann wird das Buch auf den Weg geschickt. “Das Mysterium” macht mir richtig Spaß. Ist schön, in seine eigene Geschichte auf solche Weise abtauchen zu können.
Das Mysterium

Das ist der neue Roman. Er heißt "Das Mysterium". Ende August findet ihr ihn in den Buchhandlungen, gebunden und mit einem roten Cover. Ich bin gespannt, wie er euch gefällt!
Mein Lektor, Gunnar Cynybulk, ist sehr zufrieden. Er sagte, es sei mein bester Roman bisher. Ausgerechnet dieser, mit dem ich mich so schwer getan habe! Offenbar bedeutet die Schreibautobahn, die ich mir jeden Tag wünsche, nicht unbedingt, daß die Geschichte Qualität hat, und umgekehrt heißt ein hartes Ringen mit dem Stoff nicht, daß kein guter Roman entsteht.
Habe am Freitag mit dem Lektor Pizza gebacken. So müßte Arbeit immer sein! Beim Essen haben wir das Romanende verfeinert – ich habe es übers Wochenende neu geschrieben – und haben schon über das nächste Romanprojekt nachgedacht. Ich habe von all meinen Ideen erzählt, auch den ganz verrückten, und wir haben sie weitergesponnen. Ein Vergnügen. Nun gönne ich mir noch ein paar Tage mit freiem Kopf, bevor ich mich endgültig für ein neues Thema entscheide und es an die Recherche geht.
Wo Wespen nisten

Als wir klein waren, haben meine zwei Brüder und ich unter dem Dach einer Scheune ein verlassenes Wespennest entdeckt. Wer würde nicht gern mal ein Wespennest untersuchen? Wir holten einen Besen und schlugen das Nest vom Balken. Dummerweise hatten wir nicht bemerkt, daß ein paar Meter weiter ein belebtes Wespennest hing. Die Einwohner mochten es gar nicht, daß wir gegen ihren Balken pochten. Mein älterer Bruder hielt den Besen in der Hand, damit war er als Täter entlarvt. Die Wespen stachen ihn. Schreiend rannten wir aus der Scheune.
Warum erzähle ich das? Morgen bekomme ich Besuch von meinem Lektor. Gebt es zu, da würdet ihr auch die Fenster putzen. Als ich mein Dachfenster weit aufklappte, stellte ich fest, daß im Winkel Wespen nisten. Ich dachte sofort an einen Besen. Dann aber taten mir die Wespen leid. Könntet ihr diesen Augen widerstehen?
Ich habe gedacht, ich putze das Fenster, und schaue mal, wie sie reagieren. Das war eine Vereinbarung: Ich lasse ihr Nest ganz, und sie lassen mich Millimeter neben ihrem Nest die Scheibe wischen. Tatsächlich haben sie ganz friedlich zugeschaut. Als Fensterputzmittel über ihr Nest stäubte, schüttelten sie sich ein wenig, und als ich mit dem Lappen sehr nahe kam, zuckten sie zurück. Kein drohendes Flügelrasseln, kein Stachelausfahren. Ich glaube, wir werden uns diesen Sommer gut verstehen.
Zum letzten Eintrag schrieb Agnes:
Verbeugungen sind immer ein Thema für sich am Theater. ;)
Was nach den Vorstellungen immer so locker aussieht, wird tatsächlich geübt und hat eine feste Ordnung, auch Verbeugungsordnung genannt. Oft hängt die an der Tür zu Bühne noch mal für die jeweiligen Stücke aus, da die Darsteller sonst durcheinander kommen könnten; sie spielen ja in mehreren Produktionen mit.
Die Verbeugungsordnung richtet sich nach der Größe der jeweiligen Rollen, aber wenn es Reihenverbeugungen gibt, dann gibt es tatsächlich immer einen (denjenigen der in der Mitte steht), der das Kommando hat und eben durch das von Dir beschriebene Heben des Kinns anzeigt, wann die komplette Reihe niedersinken soll.
Du meine Güte. Verbeugungsordnung. Was für ein Wort! Es hört sich sehr deutsch an, finde ich, und ein bißchen nach 1874. Zur Erholung gibt es ein lustiges Bild. Das bin ich, vorgestern. Beim Zeltabbauen hat der Wind angemeldet, daß er gern mit dem Zelt spielen würde, und wenn der Wind schon mal Lust hat zu spielen, muß man das ausnutzen.




