Theaterverbeugung
24. April 2007

Mein Bruder hat bei der Lesung in Berlin einige Fotos gemacht. Erkennt ihr die besondere Stimmung der Veranstaltung? Sie kam mir wie ein Film vor. Das lag an der Musik. Hermann Naehring, der aus Krankheitsgründen für Steven Garling eingesprungen ist, hat mit solcher Kunstfertigkeit und Kraft getrommelt – er hat mit meinem Bauch kommuniziert. Dabei war keines der Stücke fest geplant. In der Vorbesprechung haben wir uns darauf geeinigt, daß er nichts vorab erfährt, sondern mir einfach beim Lesen zuhört und dann dazu an seinen Percussioninstrumenten improvisiert.

Daß er häufig Konzerte gibt, hat man am Ende der Veranstaltung gemerkt. Die hundertfünfzig Zuhörer applaudierten, und er verbeugte sich gekonnt. Als er merkte, daß ich nicht recht wußte, was ich tun sollte, raunte er mir zu: "Wir beide." Dann hob er das Kinn – ein Signal, das ich einmal im Theater gesehen habe: wenn eine Kette von Schauspielern sich zusammen verbeugt, hebt zuerst einer von ihnen das Kinn – und verbeugte sich erneut. Mit etwas Verspätung folgte ich.



Nochmal bei VOX
16. April 2007

Der Beitrag über die Siedler von Vulgata wird nun auch von VOX ausgestrahlt. Er besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil wurde im Planetarium Wolfsburg gedreht und beinhaltet unter anderem eine kurze Lesung aus dem Roman unterm Sternenhimmel, der zweite Teil ist ein Studiogespräch mit Doro Wiebe, aufgezeichnet in Wetzlar. Wer das bisher nicht sehen konnte, hat eine neue Gelegenheit bei VOX am 21.04. irgendwann zwischen 9:05 und 10:05 Uhr.



Wie Autoren euch reinlegen
13. April 2007

Als ich vor ein paar Tagen das Nachwort für den neuen Roman schrieb, mußte ich darüber den Kopf schütteln, wie wir Autoren doch die Leser hereinlegen. Klar, vieles im Roman ist historisch verbürgt, und diese Sachen erwähne ich zurecht im Nachwort. Aber müßte ich nicht genauso aufzählen, was erfunden ist? Das habe ich nicht getan. Man kann sich das zusammenreimen, weil ich zu bestimmten Dingen nichts sage. Trotzdem, wer unbedarft an das Nachwort herangeht, könnte denken: Wahnsinn, das stimmt alles!

Meine einzige Entschuldigung ist das Wort "Roman" auf dem Cover. Allerdings habe ich bei Dan Brown gesehen, daß es leicht überlesen wird ... Das hat mich in so manchem Gespräch schockiert.

Eure Rückfragen haben mir gezeigt, daß ich mich beim letzten Blogeintrag mißverständlich ausgedrückt habe. Punkt eins: Ich habe die Haare nicht aus dem Waschbecken gesammelt – wie stellt ihr euch bitteschön meine Wohnung vor? Ganz so schlimm ist es noch nicht. Nein, ich mußte das Rohr abschrauben.

Punkt zwei: Mein Englischlehrer ist nicht nach Amerika ausgewandert. Er ist da geboren. Deswegen ist es ja erfreulich, daß er auch Deutsch unterrichtet und die Romane im Original lesen kann. Meine Familie hat 1992/93 in den USA gelebt, meine zwei Brüder und ich sind dort zur Schule gegangen. Klingt paradox, aber es gibt in Amerika Englischunterricht in der Schule. (Don’t forget: Wir haben auch Deutschunterricht in Deutschland.)

Gestern bin ich barfuß über eine Wiese gelaufen. Meine Güte, wie weich das Gras ist! Es hat mir herrlich zart über die Fußsohlen gestrichen. Please try this at home.



Der Roman als Puzzle
11. April 2007

Das Manuskript ist abgegeben, nachdem ich es in den vergangenen Tagen und Nächten noch einmal überarbeitet habe. Ganze 4 von 250 A4-Seiten blieben unberührt, ohne rote Korrekturen. Das sind die Seiten, mit denen ich zufrieden war. Die anderen 246 habe ich mit Markierungen angefüllt, habe gestrichen, umformuliert, ergänzt. Mich ermutigen die guten Seiten, auch wenn es nur vier sind. Sie haben mir Spaß gemacht. Wenn jetzt der Lektor die verbleibenden Seiten so verbessert, daß auch sie ein Vergnügen werden, dann wird es ein guter Roman.

Auch wenn ihr mir das nicht glaubt, ich freue mich auf seine Korrekturwünsche. Das Überarbeiten erzeugt bei mir Glücksgefühle. Als hätte ich ein Puzzle vor mir und fände dank der Hilfe des Lektors das eine fehlende Teil, das es zum fertigen Bild macht. Manchmal sagt er nur, wo etwas fehlt, oder inwiefern ich etwas verändern müßte. Ich begebe mich dann auf die Suche. Jede Buchseite ist so ein Puzzle. Eine nach der anderen fertigzustellen, treibt mir den Schweiß auf die Stirn, bereitet aber zugleich großes Vergnügen.

Was tue ich, während der Lektor das Manuskript liest? Eben war ich beim Friseur. Jetzt stechen und kitzeln mich die losen Haarspitzen im Nacken. Als nächstes widme ich mich der liegengebliebenen Post und den Mails. Eine Mail freut mich besonders: Mein ehemaliger Englischlehrer aus den USA hat Wind davon bekommen, was ich mache. Da er auch Deutsch unterrichtet, kann er meine Romane im Original lesen. Ich schicke ihm den "Kalligraphen", das kostet sechs Euro per Schiff oder acht Euro per Flugzeug. Stellt euch das mal vor: Ich bezahle sechs Euro, und jemand bringt das Buch an die Küste, lädt es in ein Schiff, fährt zwei Wochen über den Ozean nach Amerika, lädt das Buch dort aus und bringt es bis zum Lake Michigan in der Mitte des Kontinents. Sechs Euro! Ich finde das faszinierend. Es macht mir bewußt, wie reich ich bin. Ich kann Päckchen auf jeden Kontinent schicken!

Nicht nur die Post ist liegengeblieben. Seit Wochen läuft das Wasser im Bad nicht richtig ab. Meine Ausrede war immer der Roman. Nun habe ich Zeit.

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Erledigt. Sind die Haare wirklich alle von mir? Man könnte denken, ich stehe jeden Abend über dem Waschbecken und übe Headbanging. Muß daran denken, wie mich mein Vater ins Bad gerufen hat, als ich klein war, und mir gezeigt hat, wie man den Abfluß saubermacht. Sein Gesicht war ernst dabei, als wollte er mir sagen: Das ist das Leben, Junge. Ich glaube, er hat mich sogar mal in die Matschepampe fassen lassen. Ich habe mich so geekelt! Heute schmunzele ich darüber. Nunja, ist leicht hingeschrieben, daß ich schmunzele. Trotzdem habe ich die Aufgabe lange vor mir hergeschoben, obwohl sie doch innerhalb von zehn Minuten erledigt ist. Bin ich im Herzen immer noch der kleine Kerl, der sich ekelt?



Ein lustiger alter Mann
04. April 2007

Wenn man ein Jahr lang an einer Geschichte geschrieben hat, dann ist es ein herrliches Gefühl, nach dem letzten Wort laut zu sagen: "Fertig." Heute durfte ich das auskosten. Alles ist geschrieben. Widmung, Roman, Nachwort, Danksagungen. Bis kommenden Dienstag überarbeite ich noch, dann geht das Manuskript an meinen Lektor.

Allein schon durch die seltenen Blogeinträge habt ihr wohl mitgekriegt, daß es kein einfaches Pferd war, das ich da einzureiten hatte. Der Roman hat gebuckelt, gebissen, den Kopf hochgeworfen. Jetzt, wo er gestriegelt im Stall steht, bereit für den letzten langen Ausritt mit dem Lektor, sind wir, glaube ich, beide froh. Bin gespannt, wie ihr ihn findet. Sobald ich das Erscheinungsdatum weiß, sage ich euch Bescheid.

Vielen Dank für die lieben Ermutigungen zwischendrin. Ich habe alles bekommen, was ein Mensch sich nur wünschen kann: von aufmunternden Nachfragen über professionellen Rat bis hin zum CARE-Paket. Ich habe euch überhaupt nicht verdient! (Damit habe ich gleich etwas vom Roman verraten. Ich fürchte, der Antagonist und ich haben Gemeinsamkeiten.)

Das Foto zeigt den Blick von einer gewissen Bank am Feldrand aus. Dort saß ich während der vergangenen Tage und habe geschrieben. Habe festgestellt, wenn ich mich immer mal woanders hinsetze zum Schreiben, halte ich länger durch. Ich mag meinen Schreibtisch, wirklich! Aber es ist schön, ab und zu auch woanders zu sein.

War heute mit dem Fahrrad unterwegs. Die armen Spinnen, die im Keller ihre Wohnungen daran errichtet hatten, haben durch den Fahrtwind unterwegs ihre Heimat verloren. Mir ist aufgefallen, daß ich aus purer Gewohnheit beim Abbiegen die Hand rausstrecke, selbst wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist. Fünfzehn Jahre Berlin haben ihre Spuren hinterlassen – damals hatte ich kein Auto und war täglich mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs.

Ihr sagt, daß man mit dem Auto ja auch blinkt, wenn keiner in der Nähe ist. Da habt ihr meine Straße nicht vor Augen. Hier fährt pro Stunde ein Auto lang, wenn es hochkommt, und weil es so still ist, hört man es schon von weitem. Der Herr Autor aber hält bei jeder Kurve die Hand raus ... Ich glaube, ich werde später mal ein lustiger alter Mann.



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