Der Duft von Holz

Mein neuer Bildschirmhintergrund: Die Karte zum Roman. Norman Hothum hat sie gerade fertiggestellt. Über jeden Turm, jede Kirche, jedes Tor haben wir gesprochen. Was gab es zur Romanzeit noch nicht? Was war durch Feuer zerstört? Was befand sich im Bau? Das Ergebnis macht mich glücklich. Diese Detailfreude, mit der Norman zeichnet! Ich habe schon als Kind Bilder geliebt, die man lange und ausführlich betrachten konnte, weil es immer neue Kleinigkeiten zu entdecken gab. Mit meinem Lektor, Gunnar Cynybulk, ist abgesprochen, daß die Karte im Vorsatz des Romans abgedruckt wird – ich glaube, sie wird Unentschlossene dazu bewegen, den Roman zu kaufen.
In meiner Nähe wurden einige Bäume umgesägt. Als ich vorhin an den frischen Stümpfen vorüberging, roch ich das Holz. Wenn ich etwas sehe oder rieche oder höre, dann überlege ich sofort, wie man es beschreiben könnte. Gerüche sind am schwersten zu beschreiben, weil wir kaum Wörter dafür haben. Das ist ein Grund dafür, daß Werbung für Parfum nie das Produkt selbst bewirbt, sondern immer eine angebliche Wirkung: Du bist schön, wenn du dieses Parfum trägst. Oder: Alle fliegen auf dich, wenn du dieses Parfum trägst. Vorhin habe ich eine Handvoll Sägespäne aufgehoben und bin damit weitergelaufen. Ich habe immer wieder an den frischen Spänen gerochen und mich gefragt, welches Wort den Duft passend beschreibt. Riechen sie süß? Riechen sie sauer? Riechen sie würzig? Es ist eine Mischung, man müßte schreiben: Der süßsaure, würzige Duft von frisch zersägtem Holz. Düfte sind in Romanen sehr wichtig. Sie wecken im Leser Emotionen, rascher als etwas, das er sich vorstellen oder hören soll.
Zurück ans Manuskript. Was riechen meine Protagonisten gerade? Feuerduft. Asche. Den Geruch verbrannter Haare. Ich werde mir gleich mal ein Haar ausreißen und es anzünden, damit ich das korrekt beschreibe.
Nominiert für den Kurd-Laßwitz-Preis

Die Siedler von Vulgata wurden in der Kategorie "Bester deutschsprachiger Sciencefiction-Roman 2006" für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert. Ebenfalls auf der Nominiertenliste: Andreas Brandhorst, Feuervögel; Andreas Eschbach, Die gläsernen Höhlen; Herbert W. Franke, Auf der Spur des Engels; Ulrike Nolte, Die fünf Seelen des Ahnen; Armin Rößler, Entheete; Ulrich C. Schreiber, Die Flucht der Ameisen.
Wie ein Roman erfolgreich wird

Gestern habe ich das erste Mal ein Vertretergespräch im Buchhandel erlebt. Andrea Ribbers war bei mir im Ort, die für die Aufbau Verlagsgruppe und zwei weitere Verlage Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen bereist. Mein Buchhändler hat mich angerufen und gefragt, ob ich sie kennenlernen möchte. Flugs war ich bei ihnen. Nach anfänglichem netten Plaudern bat ich die beiden, doch das normale Verkaufsgespräch zu führen, ich wollte das unbedingt mal erleben. Und es war spannend!
Frau Ribbers blätterte mit Herrn Dreger, dem Buchhändler, durch die Verlagsvorschau. Viele Bücher überblätterte sie mit dem Kommentar: "Das brauchen Sie nicht." Oder: "Nicht für Ihren Ort." Andererseits gab es auch Bücher, zu denen Herr Dreger "nein", sagte, und Frau Ribbers hielt ihre Hand auf die Seite (so daß er nicht umblättern konnte): "Lassen Sie mich zwei Sätze zu diesem Buch sagen." Dann erklärte sie begeistert, worum es geht und warum es ein tolles Buch ist, und am Ende sagte Herr Dreger: "Ich nehme fünf."
Was ich mich schon immer gefragt habe, ist, wie die Backlist funktioniert. Bücher verschwinden heute ja schon nach drei, vier Monaten oder spätestens einem halben Jahr aus den Regalen. Nur wenige bleiben länger. Was tut der Verlag für seine Backlist? Frau Ribbers machte das so: "Schauen wir uns mal die Backlist an", sagte sie am Ende des Gesprächs. Sie sah in ihrem kleinen Computer nach, welche Bücher sich bei mir im Ort besonders gut verkauft haben – bis aufs Exemplar genau kann sie sehen, wieviele Herr Dreger losgekriegt hat. Die erfolgreichsten davon bot sie ihm zum Nachbestellen an, und er hat es gemacht. Bald stehen sie wieder im Regal.
Das Gespräch war keineswegs eine Einbahnstraße. Frau Ribbers hat auch vom Buchhändler gelernt. Sie fragte ihn zum Beispiel: "Diese Reihe verkauft sich überhaupt nicht, nirgendwo funktioniert sie, können Sie mir sagen, warum?" Und er erklärte ihr genau, was seinen Kunden daran nicht gefällt. Bei einem anderen Buch war sie erstaunt, daß Herr Dreger es so häufig verkaufen konnte, ein teures Hardcover. Seine Erklärung war: "Das Buch ist einfach nur geil." Prompt hat er angefangen, mir davon vorzuschwärmen. Ich dachte: Wenn er jedem seiner Kunden so davon vorgeschwärmt hat, wundert mich nichts.
Von wievielen Menschen es abhängt, ob ein Buch seine Leser findet! Der Autor muß eine gute Geschichte erzählen. Der Lektor muß sie zu einem guten Roman schleifen. Die Umschlaggestalter müssen ihr ein hübsches Kleid anziehen, und die Hersteller müssen sie gut setzen und auf Papier drucken lassen, das sich gut anfühlt. Die Presseabteilung muß es den richtigen Journalisten schicken. Frau Ribbers muß es mögen und den Buchhändlern, die "nein" sagen, die Hand auf die Katalogseite legen, um sie mit ihrer Begeisterung anzustecken. Mathias Dreger muß das Buch "geil" finden und jedem, der in seinen Laden tritt, begeistert davon erzählen.
Da haben Leute eine Menge Gutes für mich getan in den letzten Jahren. Ich danke euch!
Was Spaß macht am Autorenberuf

Ich behandle euch stiefväterlich, liebe Journalleser. Verzeiht. Es sind arbeitsintensive Wochen. Bei Lesungen werbe ich immer damit, daß man als Autor ohne Wecker aufsteht am Morgen, und ernte neidische Blicke. Dieser Tage müßte ich das korrigieren: Ich wache neuerdings zu Weckerpiepen auf, und beobachte vom Schreibtisch aus den Sonnenaufgang. Anschließend schreibe ich bis Mitternacht. Das ist eine gute und schlechte Nachricht in einem. Schlecht ist, ich muß viel aufholen. Gut ist, der Knoten ist geplatzt, was den komplexen neuen Roman angeht.
Vor etlichen Monaten sagte ein befreundeter Journalist zu mir: Immer sind die Ketzer gut und die Kirche ist böse in deinen Romanen. Drehe das doch einmal um! Die Herausforderung habe ich angenommen. In meinem neuen Roman ist der Inquisitor die positive Figur, und ein Ketzer ist der Antagonist. Sicher war es ein guter Rat, den mir der Freund da gab. Nur schreibe ich seitdem die Hälfte der Seiten, die ich sonst am Tag geschafft habe. Es ist, als müßte ich etwas, das ich sehe, spiegelverkehrt malen. Wenn mich das nächste Mal einer davon überzeugt, alles ganz anders zu machen, plane ich zwei Jahre oder mehr für den Roman ein.
"Die Todgeweihte" hat gar keinen Ketzer, fällt mir da auf. Sie wurde kürzlich im Rahmen der Büchersendung "Siesta" im DRS1 besprochen, dem meistgehörten Radiosender der Schweiz mit über 2 Millionen Hörerinnen und Hörern täglich. Solche Beiträge führen dazu, daß der Roman in der Schweiz auch eineinviertel Jahre nach Erscheinen noch sehr gut läuft; bei Thalia in Basel steht er auf Platz 3 der Bestseller. Habt ihr Lust, ein bißchen Schwyzerdütsch zu hören? Den Beitrag von DRS1 kann man hier hören.
Weil ich versprochen habe, mir hier im Journal beim Schreiben über die Schulter schauen zu lassen, bekommt ihr den Absatz zu lesen, den ich vor ein paar Minuten geschrieben habe, roh, unbearbeitet. Ich mache mal ein paar Bearbeitungsschritte, dann seht ihr, was solchen Spaß macht am Autorenberuf. Nemo ist lateinisch für "niemand", so nannte man im Mittelalter Waisenkinder. Dem Waisen wurde zu Beginn des Romans eine Rippe gebrochen.
Nemo ächzte. Der Mond schien ihm durch die Fensterluke geradewegs ins Gesicht. Seine Rippe schmerzte. Er hatte falsch gelegen. Seit dem harten Griff des Fleischhackers war er empfindlich im Rücken. Verheilte das nie? Er setzte sich auf.
Verheilen klingt nach einer offenen Wunde. Es evoziert ein falsches Bild im Leser. Also ändere ich den Satz in: Hörte das nie auf?
Der Folgesatz endet auch mit "auf". Das geht nicht. Ich setze ein: Wurde das nie besser?
In einem Satz werden das erste und das letzte Wort besonders stark wahrgenommen. Ich möchte aber nicht den Geschmack von "besser" im Mund der Leser hervorrufen, sondern den von "nie". Also schreibe ich: Besserte sich das nie?
Nemo ächzte. Der Mond schien ihm durch die Fensterluke geradewegs ins Gesicht. Seine Rippe schmerzte. Er hatte falsch gelegen. Seit dem harten Griff des Fleischhackers war er empfindlich im Rücken. Besserte sich das nie? Er setzte sich auf.
So bleibt es jetzt, bis ich mir das Geschriebene ausdrucke. Auf dem Papier kann man noch genauer sehen, was ein Satz bewirkt. Diesen Aspekt des Schreibens liebe ich. Das Formulieren, das Feilen.
Bitte verzeiht, wenn ich euch dieser Tage etwas vernachlässige. Der junge Mann mit der gebrochenen Rippe braucht mich. Dringend.




