Leseprobe
Auszug aus dem ersten Kapitel
Die Finger der Flötenspieler hüpften auf den Löchern. Ihre Füße klopften den Boden. Es erhob sich eine schrille, fröhliche Melodie in den Himmel, und obwohl sie neu war, sangen Dutzende aus vollem Hals mit. Dunkel quäkte eine Birkentute. Trommeln flogen durch die Luft, im Flug geschlagen. Es hätte heller Tag sein mögen: Mit Kraft leuchtete das Feuer in die Gesichter, zeichnete Glut auf die Wangen.
Alena lächelte den jungen Kessiner an, der sie im Tanz am Unterarm umgriffen hielt und mit sich wirbelte. Die Schritte lief sie von allein, sie verschwendete keine Aufmerksamkeit darauf; lang, lang, kurz, kurz, lang. Die Musik befahl, und Alenas Füße gehorchten willig.
Er hatte keine Ahnung, wer sie war. Auch die anderen Kessiner nicht. Auf eine vergnügte Art machte es sie unsicher. Der hübsche Schwarzschopf tanzte mit ihr, weil sie ihm gefiel, und nicht, weil sie die Tochter ihres Vaters war.
Zwei Dudelsäcke brummten, von Männern unter die Achsel gepreßt. Mit aufgeblähten Wangen bliesen die Männer in die Sackpfeifen, folgten der Flötenmelodie, trieben sie an mit dem grellen Quieken der Pfeifen.
Inmitten einer Drehung warf Alena einen kurzen Blick auf den Fürsten, der außerhalb der Tanzenden stand. Große Nase, seitlich davon breite, unschöne Falten. Wilde Wohlgestalt, trotz allem. In der silbernen Kette, die seinen Fellumhang zusammenhielt, spiegelte sich der Feuerschein. Er hatte Alena noch nicht bemerkt.
Sie warf das Haar, das lange, dunkle, und ließ die Schläfenringe klingeln. Mit den Augen funkelte sie ihrem Tanzpartner eine glühende Aufforderung zu. Er grinste, packte sie mit beiden Händen und hob sie in die Luft. Jauchzend ließ sie sich in die Bögen des Tanzes fallen, bis der Kessiner sie absetzte.
Wieder ein Blick. Der Fürst stopfte sich ölglänzendes, bleiches Fischfleisch in den Mund. Er sah stumpf vor sich hin, angelte mit fettigen Fingern zwischen den Zähnen nach Gräten.
“Wie heißt dieser Mann?” keuchte sie.
“Zelechel”, antwortete ihr junger Tanzpartner. “Du bist Redarierin, richtig?”
Alena antwortete mit einem Augenzwinkern. Sorgfältig darauf bedacht, daß er es nicht bemerkte, schob sie den jungen Kessiner in Tanzschritten um das Feuer herum, näher zum Fürsten. Sie stieß ihren Partner an, lachte und zog dabei die Nase kraus.
Da. Endlich sah der Fürst herüber. Er hob eine Schöpfkelle an die Lippen, schlürfte die Suppe aber nicht, sondern pustete Luft darauf, ohne den Blick von Alena zu nehmen. Sie senkte die Lider, sah auf die kupferne Gürtelschnalle des Fürsten. Dann riß sie der Tanz weiter. Wenn er ein Herr war wie Vater, würde er Bescheidenheit und Anstand mögen. Augenblicklich setzte sie die Füße ruhiger, folgte der Melodie und den Trommelschlägen mit geschmeidigen, aber kontrollierten Bewegungen.
“Warst du schon oft hier?” fragte sie ihren Tanzpartner.
“Erst einmal, letztes Jahr. Die Burg beeindruckt mich immer noch.”
“Und der Tempel?”
“Davon halte ich mich lieber fern.”
Sie verzog spöttisch die Lippen. “Du fürchtest dich?”
“Fürchtest du dich nicht? Immerhin wohnt der Dreiköpfige darin.”
Drehung um Drehung. Fliegende Zelte, Feuerfunken, Gesichter. Die Musik ein Dröhnen im Bauch, in den Füßen, in den Ellenbogen.
Der Kessinerfürst hielt sich unverändert die Kelle vor das Kinn. Unmöglich konnte er ihr Gespräch belauscht haben: Die Flöten und Dudelsäcke waren zu laut. Aber er beobachtete Alena mit strengem Blick, verfolgte den Weg des Tanzpaares. Sie führte den jungen Schwarzschopf zur anderen Seite des Feuers.
“Wüßte gern, wie es im Tempel aussieht”, sinnierte er. “Diese schrecklichen Geisterstatuen rings herum ... Verbergen sie Lichterglanz? Oder rote Glut inmitten eines dunklen Raums?”
“Ich kenne das Innere des Tempels.”
Der Kessiner unterbrach den Tanz. Ein anderes Paar rempelte sie an, aber er stand wie angewurzelt und starrte ihr ins Gesicht. “Warst du drinnen?” hauchte er.
Alena ließ ein wenig die Mundwinkel zucken, geheimnisvoll.
“Svarozic – du hast ihn gesehen?” Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Dann plötzlich griente er wieder, schüttelte den Kopf. “Du legst mich aufs Kreuz, oder?”
“Ich habe gehört, daß euer Fürst sein junges Weib verstoßen hat. Ist das richtig?”
Der Kessiner runzelte die Brauen, nickte. “Du kannst niemals im Tempel gewesen sein. Allein die Priester haben Zutritt, und nicht einmal sie dürfen atmen, wenn sie im Inneren sind, um den Dreiköpfigen nicht mit ihrem sterblichen Atem zu beschmutzen.”
“Hat Zelechel schon erneut gewählt?”
“Wer bist du, daß dich das interessiert?”
Alena schlug die Augen nieder. “Komm, laß uns weitertanzen.”
Zwar gehorchte der Kessiner, aber er war sichtlich verwirrt. Widerwillig umfaßte er Alenas Arm, als verbrenne er sich daran die Finger. Er musterte sie, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepreßt, die Stirn umwölkt. Seine Füße fielen aus dem Rhythmus der Trommeln, und er schien es nicht einmal zu bemerken.
“Was ist los?” Alena kniff ihn in die Schulter.
“Nichts.”
“Schon müde?”
Er schüttelte den Kopf. “Ich frage mich, was du wirklich hier willst. Du bist doch nicht zum Tanzen zu uns gekommen.” Seine Stimme begann zu zittern. “Gehörst du nach da oben?”
Sie sah hinauf. Schwarz schoben sich die Wälle Rethras vor die Sternenpracht. Der Mond balancierte wie ein rundes, fahles Brot auf dem Westtorturm, die anderen Türme drohten zu beiden Seiten, emporgereckte Stierhörner. Über einer Zinne funkelte silbern die Speerspitze eines Postens. Ein geisterhafter, weißer Schimmer glomm hinter den Mauern.
“Und wenn es so wäre?”
“Bist du eine Vila?”
Lauthals lachend legte sie den Kopf in den Nacken. “Ich ein Geist? Sehe ich aus wie eine Vila? Ich hätte dir öfter auf die Füße treten sollen.” Eine Hand senkte sich auf ihre Schulter. “Was soll das?” fuhr sie herum und stieß einen Mann von sich.
Als wäre es Staub, putzte sich der Gestoßene die Berührung von der Brust. Dann hob er den Kopf: ein ernstes, bleiches Gesicht. Donik. Vaters Bote. “Er will dich sehen.”
“Nicht jetzt.”
“Das ist nicht dein Ernst, oder?” fragte Donik ruhig.
Sie knirschte mit den Zähnen. Knurrte: “Du hast recht. Ich habe keine Wahl. Gehen wir.”
“Wartet”, rief der junge Kessiner, und wies mit der Hand auf sie. “Wer ist diese Frau?”
Donik verzog keine Miene. “Das ist Alena, Nevopors Tochter.”
“Die Nawysa Devka”, flüsterte ihr Tanzpartner. Er rührte an seine Lippen, als wollte er das Gesagte zurücknehmen. Einige Paare unterbrachen ihren Tanz.
Als die ersten Menschen begannen, sich erschrocken zu verneigen, packte Alena den Boten am Hemd und zog ihn fort. “Danke”, fauchte sie. “Das war ja ein fabelhafter Auftritt.”
Donik schwieg. Sie stampften durch das Lager, hielten sich in der Dunkelheit zwischen den Feuern der einzelnen Zeltstädte.
“Ist dir nicht in den Sinn gekommen, daß man unter den Kessinern vielleicht nicht wußte, wer ich bin, und daß es gut sein könnte, es dabei zu belassen?”
“Du hast keinen Grund, dich zu verstecken.”
“Verstecken? Es wird der Priestertochter doch wohl gestattet sein, ein Fest zu genießen!”
Sie erklommen die Treppe zum Westtor. Wie stumme Recken wuchsen die Wälle vor ihnen in die Höhe.
“Wir wissen beide”, sagte Donik ruhig, “daß du anderes im Sinn hattest als ein Fest.”
“Paß auf, was du sagst, Wurm!” Sie atmete heftig, und es hatte nicht nur mit den Stufen zu tun. Die Dreistigkeit Doniks ärgerte sie mindestens so sehr, wie der mißglückte Abend es tat. Zugleich wütete die Vorahnung auf einen weiteren Streit mit Vater in ihrem Bauch. “Wie ist er gelaunt?”
Das Tor öffnete sich vor ihnen.
“Finde es selbst heraus.”
[Auszug]
Erschienen September 2003 im Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin.
458 Seiten, 9,95 Euro.





