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Auszug aus dem zehnten Kapitel
"Was wird jetzt aus uns?"
Sie hatte nie zuvor so etwas gesagt. Erschrocken sah Alan sie an. Hatte er nicht längst alles verloren? Gab es da noch mehr zu verlieren, noch mehr Schmerzen zu erleiden? Er besaß kein Haus mehr und kein Pferd, keine Saat. Aber offenbar besaß er die Zuneigung Mays. "Ich wußte nie, ob du mich anders magst als du all die Knechte und Bauernsöhne gern hast, ich meine, du lachst mit ihnen allen und machst deine Scherze, und sie schauen dir hinterher, und ich dachte –"
"Ich habe einmal deine Hand gehalten."
"Das war vor vier Monaten und ist seitdem nicht wieder geschehen."
"Weil ich mich gefürchtet habe, sie wieder zu nehmen. Du hast meine auch nicht genommen."
Alan staunte in ihr Gesicht hinab. Mays schmaler Nasenrücken erbleichte unter den Sommersprossen, ihre Wangen röteten sich. Sie kämpfte darum, seinem Blick standzuhalten, biß sich auf die Unterlippe. Schließlich sah sie zu Boden. Alan wollte ihre Schultern ergreifen und sie an sich ziehen. "Seit unserer Begegnung im Winter bist du mein erster Gedanke, wenn ich am Morgen die Augen aufschlage. Ich denke an dich hinter dem Pflug, ich denke an dich beim Korndreschen, beim Holzhacken. Bevor ich einschlafe am Abend, ist mein letzter Gedanke, was du wohl gerade tust."
"Ich weiß."
"Du hast auch an mich gedacht?"
Sie nickte.
"Du siehst aus, als würdest du dich dafür schämen."
"Ich schäme mich nicht. Ich habe nur ein bißchen Angst."
"Dein Vater will es nicht."
"Er schlägt mir jeden Abend einen anderen wohlhabenden Bauernsohn vor. Immer lehne ich ab. Einmal werde ich nachgeben müssen."
"Schafe wollte ich mir kaufen. Ich wollte es zu etwas bringen, damit dein Vater mit mir zufrieden sein kann."
"Er ist geizig. Ich wünschte, er würde dich so mögen, wie ich dich mag."
Lächelnd streckte Alan die Hand nach ihrem Gesicht aus, wagte aber nicht, es zu berühren. Die Fingerspitzen hingen in der Luft neben Mays Wange. Ihm schlug das Herz im Hals, er hielt die Luft an und rührte sich nicht.
Kaum merklich neigte sie den Kopf zur Seite, weiter, weiter, bis ihre Wange seine Fingerspitzen traf. Sie schmiegte sich an seine Hand, und seine Hand schmiegte sich an ihr Gesicht.
Irgendwann löste sich May. Alans Hand fiel an ihrem Kleid herab, streifte noch kurz den Bauch, dann hing sie wieder an seiner Seite. Es würde nie wieder dieselbe Hand sein. Ihm war, als sei sie ein Stück von ihr geworden. Sie gehörte nicht zu seinem Körper. Sie war fremd wie ein Geschenk.
"Das war sehr schön", flüsterte May.
"Ja, das war es."
"Ich wünschte, wir könnten mehr füreinander sein."
"Gibt es keinen Weg, deinen Vater zu überzeugen?"
"Wenn es nur das wäre, das würden wir schaffen. Aber es ist zu spät dafür. Du mußt fortgehen von hier, Alan. Es ist bekannt geworden, daß du dich beim Erzbischof über Nevill beschwert hast. Ich bin gekommen, um dich zu warnen."
"Zu Recht habe ich mich beschwert. Seine Reiter haben mir das Haus zerstört."
"Ob zu Recht oder zu Unrecht! Hast du denn nicht gehört, was Vater über ihn gesagt hat?"
"Nun, ich habe es inzwischen erlebt. Es fällt mir nicht mehr schwer, ihm zu glauben."
"Nichts hast du erlebt. Fliehe! Wenn du bleibst, wird man dich aufknüpfen."
"Aufknüpfen? Warum?"
"Bitte, geh fort, tue es für mich. Willst du, daß mir das Herz bricht? Sie werden verbieten, daß man dich abnimmt, und ich werde dich Tag für Tag hängen sehen, und am Ende stürze ich mich in den Fluß. Wenn ich denken kann, du bist irgendwo im Norden an der Grenze zu Schottland und es geht dir gut, dann bete ich für dich und erinnere mich wehmütig an diesen Augenblick. Ich vergesse dich nicht. Nur rette dich, heute noch!"
Das verbrannte Haus und der steinige Acker erschienen ihm plötzlich kostbar. Er schüttelte den Kopf. "Ich gehe nicht."
"Sie können jeden Augenblick hier sein."
"Dann verstecke ich mich eben im Wald, bis sie wieder gegangen sind."
"Du weißt wie ich, daß sie dich finden."
"Wenn sie mich töten wollen, warum haben sie es nicht gleich getan?"
"Ich weiß es nicht. Für irgend etwas wollte Nevill dich bestrafen und hat deshalb das Haus anzünden lassen. Nun aber, wo du gegen ihn gesprochen hast beim Erzbischof, wird er ein Beispiel aus dir machen für alle, die sich gegen ihn auflehnen könnten. Du kannst nicht gewinnen gegen Nevill."
"Was wird aus dir, wenn ich gehe?"
"Vater wird mich verheiraten. Wenn es sein muß, tut er es gegen meinen Willen."
Er sah zur Ruine hinüber. Die Kanten verschwammen, die Mauer wurde zum fließenden, grauen Wurm. Alans Augen brannten. Er hatte das Bedürfnis, Korn zu dreschen, und wenn es keine Ähren mehr gab, die der Flegel treffen konnte, dann wollte er die leere Tenne prügeln. "Sag mir etwas Schönes, etwas Gewöhnliches. Es muß doch noch Leben geben im Dorf. Geht das nicht einfach weiter, das Leben? Sterben und Geborenwerden, so ist es, nicht wahr?"
"Was willst du hören?"
"Erzähle von zu Hause. Du hast gesagt, dein Vater ist geizig. Sind die Mahlzeiten karg an eurem Tisch?"
Sie schwieg und sah ihn an.
"Los schon! Erzähle."
"Wir essen reichlich. Aber er schimpft dabei, obwohl er kräftig zulangt. Mutter hat gestern Pflaumen eingekocht, und dann hat sie etwas Pflaumenmus auf das Brot gestrichen, es war noch warm! Vater hat es genauso geschmeckt wie mir und meinen Geschwistern, aber er hat mit Mutter geschimpft. Heute gekocht, heute gegessen, hat er gesagt, und was machen wir im Winter?"
"War es denn eine gute Ernte?"
"Das weißt du doch alles." Von ihrer Stimme tropften Tränen.
"Erzähle es trotzdem."
"Wir hatten keinen Frost im Frühjahr, also gab es viele Blüten. Pilzkrankheiten hatten wir auch wenig diesmal und Sonne und Regen in gutem Maß. Es ist eine reiche Ernte."
"Die Äste brechen, nicht wahr?"
"Sie tragen soviel Obst, daß das Gewicht sie zu Boden zieht." May sah ihn an, als hätte sie den wichtigsten Satz der Welt gesagt. Und er verstand. Er wußte, daß sie anderes sagen wollte. Das Belanglose sprachen sie nur, um ihre Stimmen hören zu können und dabei noch nicht von Abschied reden zu müssen.
"Stützt ihr sie ab, die Äste?"
"Manche haben wir abgestützt."
"Seltsam, wie man sich als Kind sein Leben vorstellt, nicht wahr? Obst. Braten. Ale."
"Hattet ihr einen Garten?"
Alan verneinte. "Aber ich habe Kirschen gestohlen. Ich bin auf fremde Bäume geklettert und habe mir den Mund vollgestopft. Unten stand schon der Besitzer, und ich habe noch weiter in seinem Baum gewildert. Seine Weidenrute hat mir keine Angst gemacht. Weit weg war die Prügel, während ich den Mund voller Kirschen hatte. Einmal mußt du herunterkommen, hat er geschrien. Aber daran war nicht zu denken, so nah am Himmel inmitten der roten Früchte." Er sah hinab in Mays Gesicht und redete und hörte sich selbst nicht zu. "Als ich klein war, habe ich mit den Freunden davon geträumt, nach Frankreich überzusetzen und Heldentaten zu vollbringen. Jeden Tag haben wir unsere Holzschwerter aufeinanderknallen lassen, haben uns gegenseitig Lord genannt und unseren Schlachtruf geübt. Dann starb der Vater, und meine Schwester und ich mußten auf die Felder. Wir haben vergessene Ähren gesucht. Schließlich hat die Mutter den Verstand verloren, und wir sind bei Verwandten untergekommen. Die Tante hat uns geschlagen, der Onkel hat uns auf dem Schoß sitzen lassen und uns Geschichten erzählt."
"Ich weiß, Alan."
Er wies auf das Feld. "Ich habe von einem Acker geträumt. Von einem eigenen Haus. Und von dir."
"Aber du kanntest mich noch gar nicht."
"Doch. Ich wußte, daß es dich geben muß. Irgendwo mußtest du sein, und ich wollte dich suchen und habe gehofft, du würdest auf mich warten."
Es schien ihr weh zu tun. Sie wandte das Gesicht ab. "Alan, ich kann das nicht. Meine Kraft reicht nicht aus."
"Was meinst du?"
"Dieser Abschied –"
"Es ist kein Abschied. Ich habe mich entschieden zu bleiben." Er erschrak. Wann hatte er diesen Entschluß gefaßt? Es war, als spräche ein Fremder aus seinem Mund. Ein Fremder, für den er Bewunderung empfand.
"Alan!"
"Sie sollen kommen."
May neigte den Kopf zur Seite. Sie runzelte die Stirn, als habe sie sich verhört.
"Ich werde diesen Acker nicht aufgeben. Vierzig Schillinge habe ich bezahlt."
"Du kannst gegen Nevill nicht ankommen. Willst du dir im Wald einen Stecken schneiden und damit gegen Schwerter ankämpfen?"
"Nein. Ich sage dir, was ich tun werde: Ich werde das Feld pflügen, auch ohne Jok, und wenn es bedeutet, daß ich die Erde mit einem Spaten eigenhändig umwenden muß. Ich werde eine Hütte bauen, und ich werde Holz sammeln für den Winter. Nächstes Jahr säe ich Weizen."
"Alan, höre auf mich. Es ist jetzt nicht die Zeit für Mut, es ist die Zeit für eine weise Entscheidung. Rette dich! Wenn du es nicht für dich tun willst, dann tue es für mich. Ich war in den letzten Wochen viel in der Burg. Ich habe gesehen, was Nevill mit Menschen macht, die sich ihm entgegenstellen."
"Wenn er morden will, mordet er, das muß er selbst vor Gott verantworten. Ich bin Pächter, und ich lebe, um diesen Acker zu bestellen."
"Warum tust du das?" Sie kniff die Augen zusammen. "Du weißt doch genau, daß du mir Leid zufügst."
Die Hand, die nicht die seine war, umfaßte die schmale Frauenschulter. Alan konnte spüren, wie sie sich hob und senkte. Mays Atem ging schnell.
"Laß mich los." Sie wand sich frei. Noch einmal blickte sie ihn an, dann kehrte sie Alan den Rücken und ging auf die Mauer am Feldrand zu.
Unvermittelt blieben ihre Füße im Acker stecken.
Alan öffnete den Mund, um etwas zu sagen. Tonlos schloß er die Lippen. Mays Vater stand am Mäuerchen.
Alan fühlte sich, als habe er sämtliche Kirschen der Welt gestohlen. Knüpft ihn auf, würde der Vogt jeden Augenblick sagen, knüpft ihn auf, den Hund. Noch schwieg er, als sammelte er seinen Zorn, um ihn in einem gewaltigen Ausbruch zu entladen. Da haben wir ihn, sagten seine Augen. Hängt ihn an den erstbesten Baum, hoch oben soll er schwanken, daß alle es sehen, meine ungehorsame Tochter zuerst.
May drehte sich um, machte Schritte zu Alan hin.
"May", drohte der Vater.
Sie trat an Alan heran. Ihre Augen glühten. Schmale, zitternde Hände schlossen sich um seinen Nacken. "Darf ich dich küssen?"
Alan senkte den Kopf zu ihr hinunter. Sie schloß nicht die Augen, und so hielt auch er sie offen. Als sich ihre Münder berührten, jagte ein Donner durch seinen Bauch. Die Lippen ließen voneinander ab. Dann trafen sie zu einer zweiten Begegnung zusammen, kräftiger. In Mays Augen stand süßes Entsetzen.
Der Vater schrie ihren Namen.
"Es ist", flüsterte sie, "als würde ich einen Toten küssen. Gebe Gott, daß du verschont bleibst."
Er hob die Hand und streichelte ihr Gesicht. "Ich werde leben."
[Auszug]
Erschienen März 2005 im Verlag Rütten & Loening, Berlin.
440 Seiten, 19,90 Euro.





