Leseprobe
Auszug aus dem einundzwanzigsten Kapitel
Am 16. Januar 1349 verstummte der Rhein. Die Eisschollen froren fest. Winterskälte verdichtete das Eis zu einer harten Schicht. Als die Sonne aufging, schwebten Nebelwolken darüber. Sie wurden rot angestrahlt vom Morgenlicht. Es sah aus, als stünde der schweigende Fluß in Flammen.
In einem langen Zug gingen die Juden über das Eis zur Insel. Sie trugen die vorgeschriebene Kleidung: Gelbe Hüte die Männer, blauweiße Schleier die Frauen. So mancher von den Zuschauern entdeckte unter ihnen einen Nachbarn und schlug peinlich berührt den Blick nieder. Man hörte, wie der Vorbeter die Juden beruhigte. Sie sprachen gemeinsam: “So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen: Adonai segne dich und behüte dich! Adonai lasse sein Antlitz über dir leuchten und sei dir gnädig. Adonai wende sein Angesicht dir zu und lege über dich Frieden.”
Konrad von Bärenfels kniff die Augen zusammen. Er hatte doch genügend Schergen aufgestellt, wozu hatte der Henker sein Beil dabei? Fürchtete er, die Juden könnten versuchen, aus dem brennenden Haus auszubrechen? Es gefiel ihm nicht. Niemand sollte geköpft werden, also hatte der Henker ohne Beil zu erscheinen. Er würde ihn rügen nach der Hinrichtung.
Zum Ratsherrn sah er hinüber, der mit den Juden ging. Der Ratsherr trug die Schuldscheine, einen ganzen Korb voller Pergamente und Papiere. Sie würden ebenfalls verbrennen. Die Rückgabe der Pfänder an ihre Eigentümer hatte Konrad wohlweislich für später vorgesehen. Er durfte die Menschen nicht zu sehr in Aufruhr versetzen. Wer ein Pfand zurückerhielt, würde sich schuldig fühlen am Tod der Juden. Man wußte nie, wie einfache Seelen auf so etwas reagierten. Sie sahen nicht den großen Plan, die goldene Zukunft, die nach dieser schmählichen Stunde anbrechen würde.
Der Henker wies die Juden in das Haus hinein. Nun begannen sie auch noch zu singen! Einige Frauen unter den Zuschauern schluchzten. Es wurde Zeit, daß das Feuer dem ein Ende machte. Der Ratsherr ging mit dem Korb ins Haus und kehrte ohne ihn zurück. Konrad wartete, bis der Henker die Tür geschlossen und den Balken dagegengestemmt hatte, dann hob er den Arm. Das Zeichen.
Der Henker ließ sich die Fackel reichen und hielt sie ins Reisig, das rings um das Haus aufgeschichtet war. Er spazierte entlang der Wand, die Fackel immer im trockenen Gezweig, bis es lichterloh brannte. Bald fingen die Wände des Hauses an zu schmoren. Die Flammen leckten an ihnen hinauf, züngelten, einzelne blaue Flämmchen sprangen zum Dach. Endlich brannten die Wände, und das Dach fing Feuer.
Von den Juden hörte man nichts mehr. Schwarzer Rauch umhüllte das Haus. Die Büttel wichen zurück. Nun hörte man einzelne Schreie. Wo war der Henker? Dieser Rauch nahm einem die Sicht. Vom Haus war nichts mehr zu sehen, außer dem Flammenschein, der durch den schwarzen Qualm leuchtete.
Es starben Menschen da drüben. Sie verendeten qualvoll in der Hitze, und er, Konrad, war verantwortlich dafür. Der Gedanke an die Sterbenden war wie ein unangenehmer Juckreiz. Die Pestverschwörung hatte er erfunden, sie waren unschuldig daran. Dennoch, ausgebeutet hatten sie die Christen tatsächlich, ihn eingeschlossen. Alles, was er tat, war, die Juden zu bestrafen. War das nicht seine Aufgabe als Bürgermeister und erster Ritter Basels?
Ein Reiter! Konrad sah auf. Jemand galoppierte entlang des Flusses auf die Zuschauer zu. Kurz bevor er sie erreichte, lenkte er das Pferd auf das Eis. War das Tam? Er schüttelte den Kopf. Der Dummkopf wollte doch tatsächlich versuchen, seine Metze zu retten. Er würde sich den Hals brechen mit dem Pferd auf dem Fluß.
Aber der Gaul rutschte nicht aus. Tapfer trabte er zur Insel hin. Offenbar trug er Eisnägel in den Hufeisen. Tam hatte vorgesorgt. Das Volk staunte über ihn, sie wendeten die Köpfe und verfolgten gierig, was geschehen würde. Diese wetterwendische Meute!
Natürlich würde der Henker ihn abwehren. Nun war Konrad doch froh, daß der Mann das Henkersbeil bei sich trug. Und Tam war selbst schuld, wenn er niedergeschlagen wurde. Er stellte sich offen gegen ihn, seinen Vater.
Der schwarze Rauch verschluckte Pferd und Reiter. Kurze Zeit später ertönten Hiebe von einem Beil auf Holz. Der Henker – wie hatte Tam ihn überwältigt? Er würde ein Loch in die Wand schlagen! Konrad stürzte los, rannte auf das Eis. Er rutschte aus, schlitterte, ruderte mit den Armen. “Die Büttel zu mir”, rief er. Ohne auf sie zu warten, trat er in den Rauch. Der schwarze Dampf biß ihn in die Augen. Er konnte nichts erkennen. Heiß war es. Seine Füße platschten in Wasserpfützen. Husten mußte er, und bekam keine Luft.
Die Beilschläge hörten auf. Pah, es half Tam ja nichts, die Juden waren längst verbrannt oder im Rauch erstickt. Man hielt es nicht aus in diesem Qualm. Er kehrte um. Als er endlich wieder im Licht stand und frische Luft atmen konnte, wollte der Hustenreiz nicht aufhören. Er mußte husten und husten. Es war ein Fehler gewesen, in den Rauch hineinzulaufen. Vielleicht war Tam längst erstickt.
Da hörte er das Volk applaudieren. Tosender, rauschender Applaus erschallte, dazwischen tönten Pfiffe und Jubelrufe. Meinten sie ihn? Er sah sich um. Tam ritt über das Eis, hinter sich die Jüdin auf dem Sattel! Sie hielt sich ein Tuch vor den Mund und umklammerte ihn.
Die Erbin! schoß es ihm durch den Kopf. Man hatte Simon-ben-Levis Unterlagen nicht alle gefunden, ausgerechnet sein Schuldbrief fehlte. Das war die Rache des Juden über den Tod hinaus. Er hatte ihn Saphira gegeben, mit Sicherheit, und dort ritt sie davon!
[Auszug]
Einen weiteren, 20-seitigen Auszug gibt es als PDF auf der Website www.dietodgeweihte.ch.
Erschienen November 2005 im Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin.
378 Seiten, 8,95 Euro.
Februar 2006 im Brunnen-Verlag Basel als gebundene, farbig illustrierte Ausgabe veröffentlicht (mit 70 Seiten Anhang), 17,95 Euro.





