Geboren am 15.10.1977 in Leipzig. Studierte Literatur, Mittelalterliche Geschichte, Publizistik- und Kommunikationswissenschaften in Berlin. Titus Müller ist verheiratet und lebt in München.

1998 gründete er die Literaturzeitschrift "Federwelt" und war bis 2001 Herausgeber und Redakteur, bei einer Gesamtauflage von 18.000 Exemplaren. Heute erscheint die Zeitschrift im Uschtrin Verlag.

2002 rief er mit anderen den Autorenkreis historischer Roman "Quo Vadis" ins Leben, und war 2002-2003 mit Ruben Wickenhäuser dessen Sprecher. 2008-2009 leitete er ihn gemeinsam mit Marlene Klaus.

2005 wurde er mit dem C.S. Lewis-Preis ausgezeichnet, dotiert mit einem fünfwöchigen Schreiburlaub auf der Isle of Wight. Im gleichen Jahr belegte er den zweiten Platz beim Würth-Literaturpreis der Universität Tübingen.

2008 erhielt sein Roman Das Mysterium den Sir Walter Scott-Preis in Bronze als einer der drei besten historischen Romane der letzten zwei Jahre.

Titus Müller moderiert seit 2007 die Literatursendung Auserlesen auf rheinmaintv.

Wer ich bin


Als Kind grüßte ich jeden Morgen einen Mann, ohne ihn zu kennen. Es war eine Gewohnheit, die ich liebte. Nie haben wir ein Wort gewechselt; das kurze Heben der Hand machte uns zu Vertrauten. Wohin er ging, während ich zur Schule fuhr, weiß ich nicht. Nach meinem letzten Schultag sah ich ihn nicht wieder.

Während des Studiums erfand ich ein neues Ritual. Ich entdeckte ein Schild am Nebeneingang zum Universitätscampus: "Post und Lieferanten".

Gebunden durch eine stille Absprache mit mir selbst, betrat ich das Gelände nur noch durch diese Hinterpforte. Nach meinem letzten Tag, als habe man darauf gewartet, wurde die Pforte mit einem schmiedeeisernen Tor verschlossen. Heute verwittert das Schild für “Post und Lieferanten”. Niemand braucht es mehr.

Aus einer roten Plastikschale, die aus Kindheitstagen stammt, esse ich am Morgen mein Frühstück. Ungelesene Bücher stelle ich nicht ins Regal, nur die gelesenen. Es ist mir gleich, ob ich dabei Buchreihen auseinanderreiße, die ich bisher nur zur Hälfte las.

Mein Lebenssinn ist, dass ich ein paar Menschen etwas sage, das sie übermorgen wieder vergessen. Nur zwei oder drei behalten es und fragen zögerlich: Gibt es ihn doch, ist er da, Gott, der mich rettet?

Ich tauche beim Schreiben in die Lebenswelt zurückliegender Jahrhunderte ein. Durch diese Reisen in eine Zeit von Seuchen, faulen Zähnen und Schwertern sehe ich den eigenen Alltag mit neuen Augen. Wir leiden darunter, dass das Leben an uns vorbeirauscht. Wir arbeiten, schlafen, essen, arbeiten, schlafen, essen – und wünschen uns, wieder zu hören, wie am Morgen eine Amsel singt. Wir wünschen uns, die Ameise zu sehen, die eine Tannennadel schleppt. Wir wollen den Wind spüren, der über unsere Wangen streicht. All das ist jeden Tag da, die Amsel, die Ameise, der Wind. Nur wir sind blind geworden durch unsere Lebensgeschwindigkeit.

Was ich sammele, halte ich den Menschen hin. Kleine Fundstücke: eine Murmel, eine Vogelfeder, eine alte Bahnfahrkarte. Ich bin Sammler, Staunender und Entdecker von Beruf.

  

Impressum